Dämonen

„Was für eine Art von Dämon bist du nur?“ Ayleens Stimme klang gedämpft, ein ruhiger Ton, doch voller Zorn, etwas, dass sie vorher noch nie aus ihrem eigenen Mund gehört hatte. „Ich will nichts böses“, antwortete ihr Gegenüber ebenso ruhig, ein wenig gequält, die Stimme verzogen, „Ich bin nur hier, um Gutes zu tun, um… die Dinge richtig zu stellen.“ Ayleen schüttelte den Kopf, starrte dann wieder in die dunkle, zähe Flüssigkeit. „Du wirst uns nichts bringen als Verderbnis und Dunkelheit, du bist das Böse, das ich hasse!“ Statt einer Antwort erhielt sie nur ein bitteres Lächeln, was sie nur noch wütender machte.

Ayleen spürte, wie das Gesicht sie beobachtete, all ihren Bewegungen nachhing, jede Regung ihres Gesichtes bewertete. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass sie sich mit diesem Monster unterhielt. Jeder Atemzug fiel ihr schwerer und schwerer bis sie einen tiefen Seufzer ausstieß. „Was willst du?“, schrie sie. Obwohl sie auf eine gewisse Erleichterung gehofft hatte, wollte das bedrückende Gefühl aus ihrem Brustkorb nicht weichen. Wieder Schweigen. Ayleen sah sich in der Höhle um. Steinwände, dunkelgrau, kahl, kalt. Schroff. Sie sahen aus, als sei es schmerzhaft, wenn man gegen sie prallte. Warum hatte sie Dormammu nicht einfach gegen die Felsenwände geschlagen? Wieder und wieder und wieder und… Der Druck in ihrem Körper wurde so groß, dass Ayleen nach Leibeskräften schrie, schrie, bis ihre Lungen zu platzen drohten. „WAS WILLST DU?“ schrie sie noch einmal. Und schleuderte eine Handvoll Steinchen durch die Höhle. Einer, ein winziger traf die zähe Flüssigkeit, das Blut, das Ayleen für das Ritual benutzt hatte, das sie einem armen, wehrlosen Geschöpf entrissen hatte, und brach die Oberfläche. Als die Flüssigkeit sich beruhigte, beugte Ayleen sich tief über die Fläche, fixierte das scharf zurück blickende Augenpaar. Sie sahen sich lange an, bis Ayleen die Ziele und Motive ihres Gegenübers klar wurden. Es bedurfte keiner Antwort.

Sie erkannte, dass es wirklich nichts böses hatte tun wollen, das es, in seinem verwirrten Denken ernsthaft geglaubt hatte, die Welt wieder zu einem besseren Ort machen zu können, einem Ort, an dem seine Unschuld wieder hergestellt war und sie nicht das Leben eines Freundes auf dem Gewissen hatte, nicht einer Schwester ihre Familie genommen hatte. Und dann traf sie die Realität wie eine Flutwelle und brachte ihr Blut zum Kochen, dass es wie ätzende Säure durch ihren Körper trieb. Das Ausmaß dessen, was gerade passiert war, brach über ihr zusammen. Sie, Ayleen, das Monster, hatte durch ihre naive Dummheit das Ende der Welt hinauf beschworen! Es war nicht irgendeine Kinderei, nicht etwas, das versehentlich schief gegangen war, nein, sie, die immer versuchte das Richtige zu tun, die anderen zu beschützen, hatte allen, die sie liebte, den Untergang beschert. Dormammu war nicht aufzuhalten, wer sollte das tun? Wer war in der Lage dazu? Schreckensvisionen überspülten sie und nahmen ihr die Luft zum Atmen. Die Schule, wie sie brannte, Dargo, Dom, Carmelita und Kurt, wie sie einen qualvollen Tod erlitten und Donny…. Oh Gott, Donny. Sie würde ihm nie wieder in die Augen sehen können.

Eine dünne, salzige Flüssigkeit tropfte auf das zähflüssige, erkaltete Schwarz und bildete einen kleinen See darauf. Ayleen sah ihr Spiegelbild im Blut ihres Opfers. Irgendetwas in ihr war zerbrochen. Nach einem kurzen Schweigen flüsterte sie kopfschüttelnd: „Was hast du nur getan?“ Doch ihre Stimme brach und fand ihre Fortsetzung in einem tiefen Schluchzer. Sie sah für einen Bruchteil der Sekunde Trap in der Höhle aufblitzen, doch verschwand er sofort wieder. Er versuchte immer noch, eine Lösung zu finden. Und das sollte sie auch tun. Erschöpft wischte sie sich die Tränen vom Gesicht.

Sie würde eine Lösung finden, kostete es, was es wollte. Es musste einen Weg geben, Dormammu zurück zu schicken oder zu besiegen. Mit zitternden Beinen stand das Mädchen auf und sah auf ihre blutverschmierten Arme. Als sie ihre Hände näher betrachtete, bemerkte sie, wie das Mondlicht schimmernd durch ihre Hände auf den Boden fiel. Hier würde sie anfangen aufzuräumen. Sie hob die Arme gen Himmel und spürte den kalten Nachtwind ausserhalb der Höhle. Sanft bat sie ihn, durch das Loch in der Decke zu sich, lud ihn ein, in der Höhle zu walten, ließ ihn den Sand, die Kreide auf dem Boden, das Blut der Ziege mit sich nehmen, in die Ferne hinaustragen, bis nichts mehr übrig war, außer ihr selbst und der toten Ziege. Ayleen schwor sich, das Tier noch auf dieser Insel zu begraben, bevor sie ins Institut zurückkehrte, um Vorbereitungen für ihre Abreise zu treffen. Denn den anderen erklären zu müssen, was passiert war, bevor die Sache nicht geregelt war, schien ihr unmöglich, vorallem Donny. Er würde so enttäuscht sein von ihr.

„Können wir?“ fragte Trap plötzlich hinter ihr und hielt ihr die Hand zum Teleport entgegen.

Dämonen

New X-Men 2019 Leeana