Die mit den Scherenhänden

Es waren einige Tage vergangen, seit sie die Schüler aus Ägypten ins Institut gebracht hatten. Einige hatten sich sehr schnell eingelebt, Shaquam hatte schnell Anschluss an Kurt und Mondo gefunden, Carmelita hatte recht schnell Soorayas Vertrauen gewinnen können. Anderen ging es nicht so gut. Ruby interessierte sich kaum für die anderen. Sie schien so mit ihrer Selbstherrlichkeit beschäftigt, dass für andere kein Platz war. Oder, wie Carmelita und Ayleen vermuteten, mit der Angst, ihre Blutlust nicht unter Kontrolle zu haben.
Pan bemühte sich eifrig, sich verständigen zu lernen, doch konnte niemand von ihnen rumänisch, einzig M hatte ein so gutes Sprachgefühl, dass sie mit Händen und Füßen erraten konnte, was Pan ausdrücken wollte. Sie besaß die faszinierende Gabe, die Wortstämme der ihr bekannten europäischen Sprachen mit dem Lateinischen zu kombinieren, um so zumindest das Thema erraten zu können. Pan hatte nie eine Fremdsprache gelernt, sie schien manchmal der Verzweiflung näher als alles andere.

Nach zwei Tagen sprang Lockheed ihr plötzlich auf den Schoß. Pan sagte etwas und sah Lockheed an. Dann grinste sie und nickte und redete auf ihn ein. Lockheed sah Ayleen an und plötzlich verstand sie. Lockheed projizierte Bilder in ihren Kopf, um ihr zu zeigen, was Pan sagen wollte. Ayleen ebenfalls und antwortete. Wieder sah Lockheed zu Pan, die daraufhin aufsprang, Lockheed von ihrem Schoß fallen ließ und Ayleen stürmisch umarmte. Endlich hatten sie eine Möglichkeit gefunden, sich zu verständigen und endlich, endlich hatte jemand verstanden, dass Pan Veganerin war.

An einem Abend saß Ayleen mit M, Carmelita, Foxx, Tarot, Molly, Sarah und Pan zusammen. Sie quetschten sich alle auf die große Gemeinschaftscouch, um fernzusehen, nur Sarah saß auf dem Stuhl daneben. Sie hatte Angst, auch nur in die Nähe von jemandem zu kommen und auch die anderen scheuten sich vor ihr. Wirkte ihre Haut recht normal, wie die der anderen Mädchen, sah man spätestens an ihren Haaren, dass sie ungewöhnlich war. Die Strähnen standen steif und unnatürlich von ihrem Körper ab, als seien sie mit zu viel Haarlack zurück gekämmt worden. „Wir müssen uns irgend etwas einfallen lassen, Sarah sieht so unglücklich aus“, flüsterte Ayleen Carmelita zu. Diese sah unmerklich zu der neuen herüber und nickte dann.
Sarah war sehr freundlich und hatte etwas Aufgeschlossenes an sich, war jedoch sehr scheu und zurückhaltend gegenüber anderen. Ayleen hatte bemerkt, wie sehnsüchtig Sarah zu ihnen herüber gesehen hatte. Ayleens Blick streifte Ms und sie zwinkerte ihr unbemerkt zu, während sie unbemerkt ihr Kaugummi in eine ihrer Haarsträhnen klebte. Einen Moment lang war es still, dann quietschte M: „Iiiiih! Jemand hat mir Kaugummi in die Haare geschmiert.“

Ayleen runzelte die Stirn, während unter den Anderen Laute des Entsetzens und des Beileids laut wurden. Alle begutachteten das schreckliche Bild und Überlegungen wurden laut, wie man ihn am Besten wieder aus der Haarpracht entfernen konnte.
M schüttelte den Kopf und Ayleen begann zu verstehen. „Leute, es hilft nichts, ich werde sie wohl abschneiden müssen!“ „Aber“, warf Ayleen ein, „unser nächster Besuch in der Stadt und beim Friseur ist erst in 4 Tagen.“ M ließ den Blick durch den Raum gleiten, bis ihre Augen auf Sarah trafen. „Hey, Sarah, komm doch mal her!“ forderte sie die Neue auf.

Unsicher stand Sarah auf. M hielt ihr die verklebte Strähne hin und meinte: „Zeig mal was du kannst.“ Sarah streckte einen Finger aus und fuhr über die verklebten Haare. Sie ließen sich schneiden wie Butter. „Cool!“ warf Ayleen ein. „ich hab‘ da eine Idee!“ grinste M und zog Sarah an der Jeans mit sich mit. Die anderen folgten ihnen neugierig in die Gemeinschaftsdusche. „Wickel deine Finger mal in meine Haare. Ungefähr so“ M wuschelte Ayleen durch den Hinterkopf und nahm ihre Haare in zwei dicken Strähnen zu zwei Spiralen in die Hand. Sarah wich zurück. „Ich würde dir nur die Kopfhaut aufschneiden“, entgegnete sie. M schüttelte den Kopf und setzte sich auf eine Bank. „ich halte auch ganz still“, versprach sie. Sarah sah zu den anderen, die teilweise sprachlos entsetzt, teilweise neugierig die Szenerie beobachteten. Ayleen nickte ihr aufmunternd zu. „Hey, M regeneriert im schlimmsten Fall, so schnell kann das Blut nicht zu Boden tropfen!“ Einen Moment lang überlegte sie, ob das aufmunternd oder demotivierend klang. Sarah machte wieder einen Schritt auf M zu und öffnete vorsichtig ihre Fäuste.
Als ob sie etwas Zerbrechliches in der Hand hielt, versteifte sie ihre rasiermesserscharfen Fingerspitzen aneinander, bis sie Ms Haare berührte. Dann öffnete sie behutsam die Hände und drehte Ms Haare um ihre Finger, dann griff sie zu. Die ersten zehn Zentimeter von Ms schwarzen langen Haaren fielen zu Boden und Sarahs Finger schnellten zurück an ihren Körper. Ms Haare drehten sich auf wie die eines Models in der Shampoowerbung und brachten einen innovativen Stufenschnitt zum Vorschein.

Foxx schrie als erste entzückt auf: „Ist ja verschärft!“ Molly trat näher an M heran und ließ deren Haare durch ihre Finger gleiten. „Voll cool!“ flüsterte sie, dann sah sie Sarah mit leuchtenden Augen an. „Kannst du das bei mir auch? Und den Pony schneiden?“ Sarah sah ungläubig von Molly zu M und dann zu den anderen, beeindruckten Augenpaaren, die sie anstarrten. „Ich, ich weiß nicht“, stammelte sie, befremdet von der neuen Aufmerksamkeit, die ihr zu Teil wurde. „Ach biiiitteeee!“ schmollte Molly setzte sich mit dem Rücken zu Sarah und schwenkte ihre Haare hin und her, bis Sarah nachgab. Den Abend verbrachten die Mädels im Badezimmer und Ayleen zwinkerte M lächelnd dankbar zu. Seit diesem Zeitpunkt war das Eis gebrochen und Sarah fühlte sich als ein zumindest etwas nützlicher Teil der Gruppe.

Die mit den Scherenhänden

New X-Men 2019 Leeana