Ein erneuter Abschied

Lange sah Ayleen ihrem liebgewonnen Gefährten ins Gesicht. “Hier bin ich also wieder”, lächelte sie unsicher und sah zu Boden. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, nein besser, wie. Nervös blickte sie auf ihre Schuhe, samtene Ballerinas, die in der feuchten Erde etwas verloren wirkten. Ihr Leinenkleid wehte sanft im Wind, gerade so, als wolle er sie ermutigen, den nächsten Schritt zu tun. Sie fasste mit der rechten Hand hinter ihrem Rücken nach ihrem linken Handgelenk, nur um gleich darauf die Arme fest vor der Brust zu verschränken. “Ich denke, du hast mitbekommen, was ich angestellt habe”, fuhr sie fort, “es ist gründlich schief gegangen und jetzt”, sie zögerte und ihre Stimme versagte als sie weitersprach, “jetzt klebt das Blut von noch mehr Unschuldigen an meinen Händen.”

Sie wusste, sie würde keine tröstende Antwort erhalten, kein Arm würde sich um ihre Schultern legen und ihr sagen, dass alles wieder gut würde. “Du sollst nur verstehen, warum ich das getan habe”, flüsterte sie und trat einen Schritt zurück, verlagerte das Gewicht auf den anderen Fuß und sah verzweifelt in das versteinerte Gesicht. “Ich wollte dich einfach nicht gehen lassen. Ich habe Katy leiden sehen, natürlich, ich wollte ihr auch einen Teil ihrer Familie zurückgeben. Jeder von uns hat Familie verloren und als sie mich angegiftet hat, ob ich ihren Bruder zurückholen kann”, wieder stockte Ayleen und Tränen begannen über ihr Gesicht zu laufen “es wäre nicht richtig, ihr die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass du tot bist. Und – warum etwas lernen, wenn man es nicht anwendet? Das wäre ja wohl auch deine Herangehensweise gewesen. Oder?” Und nach einer Pause fügte sie leise hinzu:" Ich vermisse dich, großer Bruder."

Johns Gesicht am Baum der Gefallenen blieb weiterhin stumm und leblos. Lediglich der Ast schwang ein wenig, angestoßen von einer kleinen Brise. Ayleen hob die Hand vor den Mund um ein erneutes Beben zu unterdrücken, doch schien sich das Zittern in ihren gesamten Körper auszubreiten. Sie hatte alles zerstört, was in ihrem Leben wichtig gewesen war. Wie es jetzt weitergehen sollte, war ihr unklar, doch hier würde sie nicht bleiben können, ihre Zukunft hatte sie sich genommen, ebenso ihre Unschuld.

Steif und still blieb sie vor dem Denkmal stehen, bis das Beben, wenn auch nur langsam, nachließ und die Arme ihr kraftlos nach unten sanken. Schuldbewusst und müde stand sie vor dem Baum, noch immer auf eine Antwort wartend. Doch schließlich holte sie tief Luft und sah nach vorn. “Ich habe in das Totenreich geblickt und dich darin nicht gesehen”, gestand sie ihm und ein Hauch von Kraft und Hoffnung schwang in ihrer Stimme mit. “Da ich dich jedoch habe sterben sehen, ist mir klar geworden, dass dies nur eins bedeuten kann: Du wartest nicht auf irgendeine Art von Erlösung oder, dass es weitergeht.” Sie machte eine feierliche Pause und faltetet wie ein kleines Mädchen die Hände vor der Hüfte zusammen. “Du bist bei Gott”, offenbarte sie ihm, “denn er holt alle guten Menschen zu sich. Und dass bist du: ein Held.” Schmunzelnd fügte sie hinzu: “Und was passiert, wenn man Helden aus dem Himmel holt, hat meine Mutter mir durch Buffy gezeigt.” Wieder entstand eine lange schweigsame Pause und Ayleen versuchte sich John vorzustellen, glücklich und zufrieden, wie er auf sie alle herabsah und wusste, was sie alle nicht wussten. “Ich habe schon einmal versucht, dich loszulassen, John, doch habe ich es damals nicht ernst gemeint. Heute glaube ich, kann ich Abschied von dir nehmen und weiß, dass du trotzdem irgendwie bei uns bist.”

Ayleen griff sanft nach dem Ast, an dem Johns hölzernes Gesicht hing und hielt ihn einen Moment lang. Dann drehte sie sich um und ging zurück zum Institut, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Ein erneuter Abschied

New X-Men 2019 Leeana