Lektionen, Stunde 1

“Schön, dass du dir die Zeit genommen hast, zu mir zu kommen”, begrüßte Ayleen ihren Schüler und vollführte eine einladende Geste in das Lehrerbüro. “Aber sie haben doch gesagt, dass ich ein paar Extrastunden absolvieren soll”, wandte Melvin ein, betrat jedoch in zügigen Schritten den Raum und blieb analysierend in der Mitte stehen. Ayleen schloss die Tür und drehte Melvin dabei den Rücken zu, um gepflegt die Augen Rollen zu können. Sie wusste es würde nicht einfach, nein, gar nervenaufreibend werden, doch es lag ihr am Herzen, Melvin ein paar zwischenmenschliche Fertigkeiten beizubringen, damit er als junger Erwachsener überhaupt einmal die Möglichkeit bekäme sich in der Gesellschaft einen Platz zu erringen. Sie wusste wie es war, ein Aussenseiter zu sein und dass würde er vielleicht auch immer bleiben, aber auch Aussenseiter brauchten Freunde und Menschen, die sie verstanden.

“Könntest du dir vorstellen, unsere Treffen nicht als Unterrichtsstunden zu sehen, sondern, sagen wir, als freundschaftliche Konversationen?” Melvin sah Ayleen ungläubig an. “Können sie als meine Lehrerin überhaupt meine Freundin sein?” Ayleen erinnerte sich an das, was Kurt an Jasons Beerdigung über dessen Verhältnis zu Victor gesagt hatte. “Ich kenne dich zu wenig, um mich als Freundin zu bezeichnen, doch wieso denn nicht?” “Nun einerseits entstünde ihnen voraussichtlich ein Interessenskonflikt, da sie meine Noten nicht mehr objektiv genug bewerten könnten. Andererseits haben sie selbst gerade über den pädagogischen Wert unserer Treffen nachgedacht, wobei sie sehr seltsame Schlüsse von mir auf einen ganz und gar nicht intelligenten Mitschüler ziehen…”,setzte Melvin an.

Gestoppt wurde er durch einen Gegenstand, den Ayleen vielleicht ein wenig zu fest in seine Richtung warf. Sie beobachtete ihn dabei, wie er das kleine Objekt näher an sein Gesicht brachte und analysierte, um es als Kräftehemmer zu identifizieren. “Sie fühlen sich unwohl, wenn ich ihre Gedanken lese?” schlussfolgerte Melvin und sah sie mit großen, emotionslosen Augen an. Ayleen zögerte. Sie musste schon ehrlich zu ihm sein. “Ja, das ist einer der Gründe, weswegen du ihn während unserer Treffen tragen solltest. Ein weiterer ist, dass es in diesem Moment nicht deine Aufgabe sein sollte, mein Verhalten zu analysieren. Du sollst dich auf unser Gespräch konzentrieren können.” Melvin kniff einen Moment die Augen zusammen, bevor er das Armband, wenn anscheinend auch widerwillig, anlegte und aktivierte. Das Mädchen musterte den erheblich kleineren jungen Mann einen Moment.

“Es gibt dir Sicherheit, die Gedanken anderer hören zu können”, mutmaßte sie und setzte sich ihm gegenüber. Melvin zuckte mit den Achseln. “Nur so hört man die Wahrheit. Und warum sollte ich eine Kraft nicht nutzen, die mir gegeben wurde?” Ayleen nickte zufrieden. Das sollte der Lernstoff ihrer ersten Stunde werden.

Lektionen, Stunde 1

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