Lektionen, Stunde 2

“Setz dich zu mir”, bat Ayleen und klopfte mit der flachen Hand auf den leeren Platz neben sich. Als nichts passierte, drehte sie sich um und sah in das zweifelnde Gesicht Melvins. “Miss Summerbreeze”, setzt er an, wurde aber von seinem Gegenüber unterbrochen: “Du weisst doch Melvin, nur..” “Nur Summerbreeze”, beendete er den Satz," entschuldigen sie Miss. Aber das kann doch nicht ihr ernst sein?" Ayleen analysierte die Fläche neben sich und zuckte mit den Achseln. “Sie wissen schon, dass sie auf einem Dachvorsprung sitzen?” erläuterte Melvin das Problem, mit der Hand darauf zeigend, um die Situation zu verdeutlichen. “Das ist nicht nur gefährlich, sondern auch in der Schulordnung untersagt”, gab er ihr zu verstehen. Ayleen musste grinsen. “Melvin, ich habe die Schulordnung verfasst, davon wüsste ich”, lächelte sie ihn an. “Dann sollten sie sie vielleicht noch einmal überarbeiten”, grummelte er und machte sich umständlich daran, aus dem Fenster auf das fast ebene Vordach vor dem Lehrerraum zu klettern. “Wenn es dir unangenehm ist, bleib auf der Fensterbank sitzen und ich rutsche dir entgegen”, bot sie ihm an. Sie trafen sich auf dem Dach unter dem Fenster und lehnten sich gemeinsam gegen den Sims darunter.

“Ich habe dir das letzte Mal eine Aufgabe gegeben”, erinnerte das Mädchen ihn, gespannt auf seine Reaktion. Der Wind umspielte sanft ihre offenen Haare und sie strich sie hinter das Ohr, um ihren Schüler anzusehen. Sie hatten Stunden miteinander verbracht und es war nicht einfacher geworden. Sie hatte gedacht, er könnte sich öffnen, wenn sie erst einmal im Gesprächsfluß waren, sich ihr anvertrauen, lockerer werden. Aber nach kurzer Zeit hatte Ayleen erkennen müssen, dass es nicht daran lag, dass Melvin sich nicht öffnen wollte. Sie glaubte zu verstehen, dass er diese soziale Seite wirklich nicht besaß, weil er sie nicht kannte. Die meisten Konversationen in den letzten Jahren hatten sich für ihn nur darum gedreht, gehänselt zu werden und dies abzuwehren, Hausaufgaben abschreiben zu lassen oder andere Wünsche zu erfüllen, um die man ihn gebeten hatte. Ein freundschaftliches Gespräch, abseits des Unterrichts, abseits der “Bedürfnisbefriedigung” hatte er kaum erfahren, war gemieden worden, ausgeschlossen worden wegen seiner seltsamen Art. Ayleen wollte es nicht glauben, doch sie kannte das Gefühl, gemieden zu werdennur zu gut. Okay, mit Ausnahme, dass sie sich niemals als so nervig empfunden hatte. Die Einsamkeit, die dabei entstand, war jedoch die gleiche.

“Ja, ich sollte das Verhalten meiner Mitschüler beobachten”, bestätigte Melvin bedächtig. Ayleen nickte ihm aufmunternd zu und fragte: " Nundenn, was ist dir aufgefallen?" Da holte Melvin einen kleinen Notizblock aus seiner Hosentasche und las vor: “Nun, zunächst bin ich mir nicht sicher, ob Indras Räucherstäbchen unter Geruchsbelästigung fallen.” Er stockte und sah seine Lehrerin an. Als diese ihn irritiert ansah, aber weiterschwieg, fuhr er fort: " Ganz sicher jedoch bin ich mir, dass Rockslide sich letzten Mittwoch nach 22 Uhr vom Schulgelände entfernt hat. Katy hortet irgendwo Whiskeyflaschen, wenn ich auch noch nicht herausgefunden habe wo und ich darf sie zwar nie probieren, aber Hermanns Limonade…"
“Stopp, stopp, stopp”, unterbrach ihn Ayleen schnell, bevor sie weitere Dinge hörte, die Lehrerohren gar nicht zu interessieren hatten, “du solltest deine Mitschüler nicht für mich ausspionieren, um Gottes Willen, Melvin!” Jetzt sah Melvin leicht verstört und verständnislos zu seiner Lehrerin. “Aber sie sagten doch”, setzte er verzweifelt an und kratzte sich frustriert am Kopf. Ayleen überlegte fieberhaft. Wie brachte sie diesem Jungen auf einfache Art und Weise bei, dass Lehrer ein natürliches Feindbild darstellten, wenn er auf der anderen Seite kaum Verbündete hatte und behielt gleichzeitig sein Vertrauen, denn sie war sich sicher, dass er das Wort Feindbild wörtlich nehmen konnte, wenn er wollte. “Aus der Sache mit Patrick hast du doch sicher etwas gelernt, oder?” “Ja”, pflichtete Melvin bei und seine Miene verdüsterte sich, ich sollte vorsichtiger mit der Weitergabe von Informationen umgehen." “Du solltest verstehen, dass ihr, auch wenn ihr Euch nicht versteht, trotzdem zu einer Einheit gehört”, warf Ayleen ein. Ein Gedankenblitz traf sie und sie lächelte, “wie im Militär.” “Militär?” “Ja”, nickte sie," stell dir deine Klasse als Einheit vor, die Lehrerschaft als andere, die Aussenwelt als einzelne Partien des Militärs. Natürlich seid ihr als Team unserem Team unterstellt, doch muss es in der Einheit immer Loyalität geben, ob man sich mag oder nicht, denn nur so entsteht…" “Vertrauen”, beendete Melvin den Satz. Ayleen nickte stolz, auf ihn und auf sich und legte ihm die Hand auf den linken Turnschuh.
“Vertrauen ist mitunter das wichtigste im Umgang mit anderen Menschen.” “Aber warum sollte ich Patrick vertrauen? Er macht keinen Hehl daraus, dass er mich hasst.” Ayleen musste schmunzelnd an Ruby denken. “Ob du es glaubst oder nicht, auch in meiner ‘Einheit’ gibt es Mitmenschen, mit denen ich niemals klarkommen werde. Aber im Notfall wissen sowohl sie als auch ich, dass wir uns gegenseitig das Leben retten würden. Und vielleicht kennst du das Gedicht ‘No man is an island’ von John Donne?” Melvin schüttelte den Kopf. “Lies es bis zu unserem nächsten Treffen”, schlug Ayleen vor und musste erneut schmunzeln, als Melvin es sich als Hausaufgabe in sein Notizbüchlein schrieb. “Die Kernaussage, die ich dir von diesem Gedicht mitgeben möchte ist, dass, sobald ein auch nur ein kleiner Teil des Landes fehlt, Europa nicht mehr das sein kann, was es sein soll. Und so wäre auch diese Klasse nicht vollkommen, wenn du nicht ein Teil von ihr wärst, doch dazu musst du lernen, dich mit dem Festland zu verbinden.”

Für einen Moment ließen sie beide ihre Gedanken schweifen und Ayleen spürte Melvins Atem ein wenig gleichmäßiger, entspannter gehen. Dann versuchte sie das Thema wieder auf die eigentliche Thematik zu lenken, die Gruppenverbände und das Rudelverhalten der Schüler. “Also, Melvin, da unten im Hof ist ganz schön viel los, welches Verhalten kannst du beobachten?”

Lektionen, Stunde 2

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