Nacht im Institut

Nacht im Institut. Endlich. Die Geschäftigkeit des Tages war vorbei, der Lernstoff für heute vermittelt, die kleinen Streitereien verebbt, die Arbeit erledigt, selbst die aktivsten Schüler lagen friedlich in ihren Betten und schliefen. Zurück blieben nur dunkle, leere Gänge und das Mondlicht das beruhigend durch die schweren Fenster fiel und wunderschöne Muster auf die schweren alten Teppiche zauberte. Ruhe um ein Uhr nachts. Zeit für seinen täglichen Kontrollgang.

Gemütlich wie ein alter Nachtwächter der seine Runde in der nächsten von unzählbaren Schichten hinter sich ringt setzte Lockheed einen krallenbewehrten Fuß vor den anderen, sog die ehrwürdige Luft des Instituts ein und lief los. Auf seinem Weg wechselten sich altehrwürdige Künstler mit modernen Kunstschaffenden an den Wänden ab.

Wie erwartet war die Krankenstation dunkel und nicht besetzt. Dr. Ross war ein Mann der, obwohl Workaholic, an seinen festen Gewohnheiten und Zeiten festhielt um das Monster in sich unter Kontrolle zu halten. Eine Gewohnheit für die ihm alle sehr dankbar waren. Medizinische Geräte und Apparate blinkten still vor sich hin, das einzige Zeichen von Aktivität zu solch später Stunde. Mit einem zufriedenen Nicken zog der kleine Patrolleur seinen Kopf aus der Tür und setzte seine Runde fort.

Mit einiger Überraschung stellte er fest, dass in einem Gang im ersten Stock noch Licht brannte. Normalerweise übersprang er die Büros bei seinen Kontrollgängen da diese grundsätzlich abgeschlossen waren, aber diese Abweichung von der Norm, und noch sehr viel mehr seine Neugier, trieben ihn jetzt doch in diesen Gang. Die unübliche Aktivität erklärte sich schnell, als ein gähnender Donny aus seinem Büro kam und es abschloss. Ohne Lockheed zu bemerken steckte er sein klimperndes Monster von Schlüsselring wieder in seine Manteltasche, kratzte sich am Kopf und fiel geradezu die Treppe hinauf um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen bevor er in etwas weniger als vier Stunden aufstehen würde, um das Institut auf den nächsten Tag vorzubereiten. Lockheed seinerseits schüttelte den Kopf. Irgendwann würde sich dieser Junge noch zu Tode arbeiten. So war er schon immer gewesen und seitdem er Direktor geworden war, arbeitete er nur noch mehr.

Aus einer Laune heraus seinen Schwanz in S-Form über den Teppich schlenkernd machte er sich auf den Weg zu seiner nächsten Station. Den Schlafsälen. Bei den Jungs in Stock zwei war soweit alles in Ordnung, nur aus einem Zimmer kam leise ein seltsam blubberndes Geräusch durch das Holz in die Dunkelheit des Flurs hinüber. Vorsichtig nährte sich der katzengroße Drache der Tür und legte vorsichtig ein Ohr dagegen. Das seltsame Geräusch schwoll zunächst in seiner Intensität an, um dann kurz zu stoppen und in einem absteigenden Blubbern wieder Lautstärke zu verlieren. Fast wie ein mit Schleim gefüllter Blasebalg. Nach einer knappen Minute Zuhören beschloss er, dass dies nichts Bedrohliches wie ein außerirdisches Monster sondern nur Herman war, der durch die zähe Substanz seines Körpers hindurch zu schnarchen versuchte. Auf seiner internen Checkliste im Kopf machte Lockheed einen weiteren Haken und machte sich auf den Weg zum Stock drei. Nicht jedoch ohne vorher ein altes Ritual zu vollziehen.

Vor einer unter anderem mit einem alten Offspring-Poster versehenen Tür machte er zunächst halt. Das Namensschild daneben verkündete stolz mit klaren schwarzen Druckbuchstaben: „Mr. K. Pastorious: Chemie, Biologie, Führungskompetenzen-Seminar“ Nicht zum ersten Mal hob das Reptil eine geschuppte Augenbraue. Wie konnte dieser Bursche nur Lehrer hier werden nachdem er in seiner eigenen Schulzeit so viele Probleme verursacht hatte? Aber der Erfolg gab der vieldiskutierten Entscheidung von Donny recht. Die Schüler liebten Kurt nicht nur, sie lernten sogar etwas bei ihm. Wie auch immer, er hatte etwas zu erledigen. Ein kurzes, scharfes „Ratsch!“ durchfuhr die Dunkelheit als Lockheeds Kralle eine weitere Markierung im Türrahmen hinterließ. Ein Strich für jede Nacht die er hier vorbeigekommen war und alles in Ordnung vorgefunden hatte. Eine Tradition die er kurz vor Mondos Tod angefangen hatte, als der sich noch das Zimmer mit Kurt geteilt hatte. Er vermisste Mondo, nicht nur wegen der Schokoriegel. Irgendwie hatte das Spiel und die Jagd ziemlichen Spaß gemacht. Doch der große Schwarze war auf eine wichtige Mission gegangen und wie so viele vor ihm traurigerweise nie zurückgekehrt. Mittlerweile sah das Ding schon ziemlich mitgenommen aus, aber Kurt störte sich nicht daran und Lockheed beruhigte es zu sehen, dass es hier doch mehr ruhige Nächte als Katastrophen gab, auch wenn die Katastrophen stärker im Gedächtnis blieben. Vielleicht hatte Kurt ja eine Ahnung was das ganze Gekratze an seinem Türpfosten bedeutete, vielleicht war es ihm auch einfach egal und er ließ es deshalb nicht austauschen. Lockheed war auf jeden Fall dankbar und erweiterte seine Liste Nacht um Nacht.

Stock drei war um diese Uhrzeit erwartungsgemäß genauso ruhig wie der darunter. Die Blätter vor dem Fenster, die sich vor dem Fenster im Wind wiegten und das Licht des Mondes im Gang in immer neue Formen zwangen und er waren das einzige was sich hier bewegte. Das neu verlegte Holz knarrte noch etwas unter seinen Füßen als es sich nach der kompletten Neuerrichtung dieses Flurs nach Dormammus Angriff anpasste, weshalb er besonders vorsichtig ging um niemanden in seinem wohlverdienten Schlaf zu stören oder gar aufzuwecken. Mit einer Ausnahme waren alle Türen geschlossen, nur eine verriet durch einen schmalen Spalt dass sie nur angelehnt war.

Lockheed benutzte zuerst seinen langen Hals um die Tür mit seinem Kopf ein wenig aufzudrücken, legte dann die Flügel an um seinen Körper etwas hindurchzupressen und öffnete mit der Kraft seiner Schulter den Spalt gerade weit genug zu öffnen um schnell ganz in den Raum zu schlüpfen. Im Dunkel des Raumes lagen vier junge Mädchen in ihren Betten, Rollläden geschlossen, Klamotten, Schulbücher und anderes Zeugs wild auf dem Boden verstreut. Morgen würden die vier Chaotinnen wieder viel zu spät aufstehen und dann in Panik ihr Zeug zusammensuchen und vielleicht im Kleidungsstück einer Freundin das mehr schlecht als recht passte zum Unterricht erscheinen. Wie oft war das schon passiert? Ein Dutzend Mal? Und es war immer noch lustig. Vorsichtig drehte er seine Runde um sicherzugehen dass auch hier alles in Ordnung war.

Yorikos blauer Bobb leuchtete noch immer durch den Raum und gelegentlich entlud sich Elektrizität von ihrem Körper als eigentlich harmlose kleine blaue Blitze in die Umgebung.

Katies blonder Schopf hing als verwuschelte Masse über den Bettrand während die Ohrstöpsel ihres Music-Players den sie noch immer in der ebenfalls außerhalb des Bettes hängenden Hand hielt in ihren Ohren steckten und sie auf das Kissen sabberte. Ein kurzer Krallendruck von Lockheed auf einen Knopf brachte das blaue Leuchten des Players zum Erlöschen. Kein Grund Energie zu verschwenden wenn sie eh nichts hörte.

Wie üblich war nichts besonders Beanstandenswertes an Angel, ihre krausen schwarzen Haare lagen über der Decke in die sie sich wie in einen Kokon eingewickelt hatte. Gar nicht mal so unpassend wenn man bedachte dass dort auch libellenhafte Flügel unter dieser Decke ruhten.

Nur die Jüngste, Molly, lag mal wieder mit allen vieren ausgestreckt halb quer im Bett und hatte sich von der Decke freigestrampelt. So geizig wie das Institut mit den Heizkosten umging würde sie sich noch einmal ernsthaft verkühlen. Vorsichtig nahm der kleine Drache eine Ecke der Bettdecke ins Maul und ging behutsam rückwärts um die Decke langsam wieder über das junge Mädchen zu ziehen. Ein kurzes Schmatzen ließ ihn innehalten, aber dann drehte sich Molly lediglich um und er konnte sein angefangenes Vorhaben vollenden. Jetzt wo alles zu seiner Zufriedenheit war konnte er auch endlich den Rest seines Kontrollgangs vollenden.

Besagter Rest war nur eine Formalität. Die restlichen Gänge lagen ruhig und dunkel da, verrieten nichts von der schülergefüllten Aktivität, die sie Morgen zeigen würden. Einer nach dem anderen erhielt ein kleines Kreuz in Lockheeds Schädel bis er zum Finale seiner Tour kam.

Die Küche. Oft gab es am Ende des Tages hier noch einen Leckerbissen vom Abend- oder sogar Mittagessen zu erhaschen, jemand hatte ihm Milch hingestellt oder irgendein nachlässiger Schüler hatte den Kühlschrank halb offengelassen den man dann begeistert plündern konnte. Irgendwas gab es hier eigentlich immer zu entdecken. Doch heute entdeckte er nur das, was er die vergangenen sechs Nächte auch schon entdeckt hatte: Cordy. Zusammengesunken saß die junge Frost an einem Tisch in der dunklen Küche die rechte Hand noch immer um eine fast leere Vodkaflasche geschlossen. Missgelaunt sprang Lockheed auf eben diesen Tisch und stupste die Betrunkene mit dem Kopf an. Nichts. Keine Reaktion. Alkoholkoma. Schon wieder. Wie die Nächte zuvor. Lediglich ihr Kopf drehte sich ein wenig, sodass sie jetzt nicht mehr mit der Stirn auf dem Tisch lag. Ein tiefer Seufzer entrang sich Lockheed als er vom Tisch sprang und sich auf ihrem Schoß zusammenrollte, um sie später wecken zu können bevor die ersten Schüler zum Frühstück kamen und ihre Lehrerin so sahen. Bevor er die Augen schloss seufzte er noch einmal eindringlich und tief. So schliefen sie beide, Drache und Telepathin nachts im Institut in der dunklen Küche. Lockheeds letzte Gedanken vor dem Einschlafen verhallten ungesagt und ungehört in der Weite der leeren Küche.

Ach, diese Menschen! Wenn man nicht die ganze Zeit auf sie aufpasst, machen sie nur Unsinn!

Nacht im Institut

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