Necropia

Der Zirkel war heute nicht umsonst gekommen. Als sie unter dem wolkenverhangenen Nachthimmel zwischen Steinen, Muscheln, hohem Schilfgras und Sand warteten, versuchten sie sich diese Tatsache immer wieder ins Gedächtnis zu rufen während das dunkelblaue Meer mit sanftem Rauschen gegen den Strand spülte.

Eli, wie immer in einen teuren schwarzen Anzug gekleidet, zeichnete mit einem eleganten Lederschuh verschlungene Muster in den Sand um sich irgendwie zu beschäftigen. Seine ebenfalls schwarze Seidenkrawatte flatterte im aufgekommenen Wind wie eine Fahne unter der sich der Zirkel heute versammelt hatte. Seine schlanken Hände steckten in den Sakkotaschen damit sie seine Unruhe nicht verrieten. Lediglich auf seinem Gesicht spiegelte sich sein Missfallen. Er wirkte noch unglücklicher als sonst, noch gequälter. Tiefe Schatten überdeckten seine Augen und gruben tiefe Furchen in Wangen, Nase und Stirn. Seine Kiefermuskeln arbeiteten subtil aber stetig. Ein unwissender Beobachter mochte sich fragen, wie lange er noch warten würde. Ein wissender Beobachter jedoch wusste, dass er notfalls ewig hier ausharren würde.

Wither hockte nicht weit von ihm entfernt. Gegen den Wind hatte er seinen schwarzen Stoffmantel etwas enger um seine schmale Gestalt gezogen. Ebenso trug er heute ausnahmsweise einen anthrazitfarbenen Schal als Akzent. Er war aufgrund seiner Kräfte schon immer etwas ausgezehrter gewesen als die anderen Mitglieder des Zirkels und fror deshalb sehr viel leichter. Das gequälte Lächeln auf seinem Gesicht trug diesem Fakt Rechnung. Um sich die Zeit zu vertreiben verrottete er ein langen Schilfgrashalm Zentimeter um Zentimeter. Es war schon der dritte oder vierte, die anderen hatten sich als Staub auf Nimmerwiedersehen windreitend gen Horizont aufgemacht.

Blinks pinkfarbene Haut leuchtete wie ein Warnsignal in der ansonsten recht farblosen Umgebung. Ihre ebenfalls pinkfarbenen Haare standen aufrecht und bewegten sich sachte im Wind wie das Schilfgras rundherum. Ihre Kräfte machten es ihr einfach, sich zu amüsieren. Immer wieder öffnete sie Portale und beobachtete Leute an anderen Punkten der Erde. Das Licht verschwand geradezu auf ihrer unnatürlichen Hautfarbe, nur ein schwaches pinkfarbenes Leuchten auf ihrer schwarzen Lederkleidung und um sie herum war zu sehen. Wurde es ihr zu eintönig, warf sie ein Steinchen hinein und kicherte leise, wenn eine Person sich wunderte, wer sie da beworfen hatte. Das Kichern und das gelegentliche „Blink“-Geräusch ihrer Portale waren das Einzige, was die relative Stille konterkarierte.

Mortis große braunen Augen waren auf den Boden gerichtet während sie gemäßigten Schrittes schnell verschwindende Spuren im Sand hinterließ. Sie hielt einen langen Stock in der rechten Hand mit dem sie immer wieder einen großen Krebs anstieß. Das Krustentier floh in seiner charakteristischen Fortbewegungsweise immer weiter, aber sie ließ ihn nicht entkommen. Scheinbar war sie froh, endlich etwas gefunden zu haben, das schwächer war als sie. Von Zeit zu Zeit strich sie sich eine dunkelbraune Locke aus dem Gesicht die ihr die Sicht auf ihr Opfer behinderte.

Die zwei neuesten Mitglieder des Zirkels hielten sich gemeinsam etwas abseits von den anderen. Anscheinend wussten sie nicht viel mit sich anzufangen. Despair saß auf einem Stein und trug einen schwarzen Pelzmantel in dem sie fast verschwand. Der Besatz des Kragens ragte noch ein wenig über ihr seidiges ebenholzfarbenes Haar hinaus und sie verkroch sich darin wie in einem Panzer um sich vor dem kalten Wind zu schützen. Nur Gott mochte wissen, von welchem Tier der Pelz für diesen Mantel kam. Ihre schlanken Hände die in schwarzen Lederhandschuhen steckten, schrieben immer wieder mit einem altmodischen Tintenfüller in ein kleines Buch mit weinrotem Einband. Ihre ozeanblauen Augen waren ganz auf dieses Büchlein konzentriert, konzentriert folgten sie den Zeilen, die ihr Stift auf dem Papier erscheinen ließ.

Ruby stand scheinbar ein wenig verloren hinter ihrer ehemaligen Schulkameradin und versuchte von Zeit zu Zeit, ihr über die Schulter zu schauen. Sie befand sich mittlerweile konstant in ihrer rothäutigen, dämonenhaften Mutantengestalt und legte diese nur gelegentlich ab. Die Frustration des Wartens war ihr am deutlichsten anzumerken. Ihre Flügel zitterten. Nicht nur wegen des Winds der sich darin fing, sondern auch von mühsam beherrschter Ungeduld. Ihre schwarzen Fußkrallen gruben sich in einem nervösen Klavierspiel immer wieder in den Sand und hinterließen längliche Spuren darin. Zischende Geräusche waren zu hören da ihr Schwanz gereizt durch die Luft peitschte. Der Wind ließ ihr rabenschwarzes Haar auseinanderfächern als wolle sie sich gleich in die Lüfte erheben. Ihre generelle Zickigkeit half nicht im Geringsten, ihr unangenehmes Temperament zu beherrschen. Alle paar Minuten strichen ihre leuchtenden gelben Augen über den Strand Richtung Horizont. Dorthin wo sie sich gerade wünschte zu sein.

Lediglich Senyaka stand monolithisch im Sand ohne einen Muskel zu rühren. Der Wind mochte zwar seine traditionelle Kopfbedeckung die auch sein Gesicht verhüllte, und seine weite Kleidung bewegen, aber er stand wie ein Fels. Die Welt bewegte sich, Senyaka nicht. Eine schon fast beunruhigende Aura der Ruhe und Überzeugung ging von ihm aus. Vielleicht stand er erst eine Minute da, vielleicht schon tausend Jahre. Es schien keinen Unterschied zu machen. Der Riese von einem Mann war da und er würde nicht gehen, bevor er sein Ziel erreicht hatte.

Es war Ruby, die zuerst die Geduld verlor. Ihre genervte Stimme schnitt durch die relative Stille wie ein heißes Messer durch die Butter und veranlasste die restlichen Mitglieder des Zirkels, sich zu ihr umzudrehen. Lediglich Despair zog sich ob des bevorstehenden Streits etwas tiefer in ihren Pelzmantel zurück.

„Scheiße, wie lange dauert das denn NOCH?“

Eli, das Gesicht plötzlich von schwer beherrschter Aggression gekennzeichnet, antwortete ihr durch zusammengebissene Zähne.

„Die Königin hat gesagt, wir sollen hier warten. Also warten wir. Und jetzt hat die Klappe!“
Ruby schien gleichzeitig erleichtert und verstört. Sie hatte wohl bekommen, was sie wollte. Einen Streitpartner. Aber ob sie gerade diesen gewollt hatte, war eine andere Frage. Von den anderen hatte sie das erwartet, aber von Eli… Sie breitete ihre Flügel leicht aus und hielt ihre Klauen weg von ihrem Körper. Die Feindseligkeit in ihrer Stimme nahm sogar noch mehr zu.

„Komm mir ja nicht so, Eli! Wir warten schon seit Stunden!“

„Zeigt Respekt!“

Der unerwartete Einwurf brachte die beiden zum Schweigen. Senyakas tiefe Grabesstimme war nicht einmal lauter geworden, nur eindringlicher. Wie eine unwiderstehliche Lawine rollte sie über den Streitwillen der Konfliktpartner hinweg und hinterließ nur unangenehme Stille. Eli blickte wieder demonstrativ gen Horizont während Ruby dastand wie ein gescholtenes Schulmädchen.

Mehr Zeit verging. Wieviel konnte keiner genau sagen. Der dunkelblaue Nachthimmel bot keinen Hinweis und das subjektive Zeitgefühl spielte ihnen einen Streich. Sie warteten lediglich. Warteten, warteten und warteten.

Und dann war es soweit.

Der Wind verriet es zuerst. Er wehte stärker, aber das allein war es nicht. Es war mehr so, als ob er von unhörbaren düsteren Hymnen erfüllt sei. Lobhuldigungen an eine dunkle Gottheit die niemals gesungen wurden und dennoch unausgesprochen in der Luft hingen.
Das lange Schilfgras folgte. Wie das rote Meer teilte es sich und machte vor ihren Füßen einen Weg frei, damit sie nicht behindert würde. Immer gerade einen Moment bevor er sie berührt hätte, senkte der Grashalm respektvoll seinen Kopf und ging vor ihr in die Knie.
Selbst die Erde schien zu respektvoll, oder vielleicht auch zu ängstlich, um sie zu berühren. Unebenheiten glätteten sich, Steine verschwanden in der Erde, es schien sogar, als ob sie ganz und gar schwebte. Eine Göttin hinabgestiegen in das Reich der Sterblichen.
Luna.

Am heutigen Tag trug sie ein Kleid aus schwarzem Leder das zwar alles verdeckte, aber die bloße Andeutung ihres perfekten Körpers und ihrer Umrisse reichte, um alle anwesenden Frauen an ihre kleinen Imperfektionen zu erinnern. Ihr Haar hatte die Farbe eines sternenlosen Mitternachtshimmels, tiefschwarz und unergründlich, und fiel wie ein dunkler Wasserfall über ihre Schultern. Ihre Augen derselben Farbe waren auf keinen Punkt gerichtet und scheinen doch alles zu sehen.

Doch das Ehrfurchtgebietendste an ihr war ihr neues… Accessoire. Das Auge Agamottos. Es hielt ein schwarzes Samtcape mit spektakulärem roten Innenfutter auf ihrer Brust zusammen und schien doch wichtiger zu sein als alles andere. Schon seit mehreren Wochen zeigte es ihre Augenfarbe, Zeichen dass die Anführerin des Zirkels jetzt die mächtigste Magierin der Welt war.

Der Zirkel reagierte entsprechend. Respektvoll senkten sie ihren Blick. Weltliche Augen hatten es eigentlich gar nicht verdient, die Königin zu erblicken. Wären sie nicht ihr persönliches Gefolge, hätten sie wahrscheinlich sogar niedergekniet. Alles andere wäre unangemessen im Angesicht einer Gottheit.

Luna ihrerseits schritt an ihnen vorbei, scheinbar ohne sie zu beachten oder gar zu bemerken. Sie hatte ein Ziel. Eine Bestimmung. Das Meer selbst schien sie zu rufen mit seinem hypnotischen Sirenengesang. Die Wellen waren wie ausgestreckte Arme, die sie mit verführerischen Bewegungen lockten. Etwas wartete hier auf sie.

Einen Millimeter bevor ihre teuren Stiefel das immer wieder heranschwappende Wasser berührten, blieb sie stehen. Eine perfekte Statue aus weißem Marmor und Obsidian.
Etwas passierte. Alle konnten es fühlen. Eine Spannung baute sich in der Luft auf. Beinahe wie elektrostatische Aufladung hing sie da und ließ dem Zirkel die Nackenhaare zu Berge stehen. Tief in ihnen wurden uralte, tierische Instinkte angesprochen und nur mit Mühe konnten sie ihren Fluchtreflex kontrollieren.

Auch die Welt reagierte. Die Seevögel kreischten lauter, unruhiger. Der Wind frischte noch einmal auf und zerrte an Mänteln, Schals und anderer Kleidung. Ganz tief unter ihnen begann die Erde leise zu vibrieren.

Und dann, urplötzlich, war Stille.

Die Möwen schwiegen, der Wind machte keine Geräusche mehr, die Wellen unterbrachen ihr melodisches Rauschen, die Erde hörte auf sich zu bewegen. Nicht einmal das Atmen der Mitglieder des Zirkels war mehr zu hören. Die ganze Szenerie war in einer Zeitblase gefangen, in Stasis. Die Zeit stand für einen Moment still. Und alles konzentrierte sich auf die schwarze Königin in der Mitte, ihre Hände leicht ausgestreckt und ihre Augen geschlossen als würde sie rufen. Niemand hörte, nach was.

Aber die Welt antwortete. Plötzlich, unerwartet und heftig.

Es fing mit einem Rumpeln aus den tiefsten Eingeweiden der Erde an. Nur mit Mühe konnten sich die Zuschauer dieses Spektakels auf den Beinen halten als der Boden sich bewegte, selbst Senyaka schien Schwierigkeiten zu haben sein felsgleiches Erscheinungsbild beizubehalten und musste ein wenig in die Knie gehen. Ein Erdbeben war jedoch nur das erste Anzeichen.

Der Wind entwickelte sich ohne Vorwarnung zu einem Sturm der die hilflosen Beobachter zwang, ihre Augen vor dem umherfliegenden Sand zu schützen. Nur Luna stand unbeeindruckt und unberührt davon noch immer aufrecht wie eine wahre Königin.
Das Wasser war das letzte Element, das antwortete. Ein paar Meilen vor der Küste fing es auf einmal zu brodeln an. Riesige Fontänen spritzten meterhoch in die Luft als würde das Wasser kochen. Glänzende Wassertropfen wurden hoch in den Nachthimmel katapultiert. Etwas schob sich aus der Tiefe nach oben. Etwas Großes.

Zuerst war nur eine schwarze Spitze zu sehen, ein bloßes Versprechen dessen was noch kommen mochte. Wie ein Speer schoss sie in die Höhe als wolle sie den Horizont spalten. Wassermassen flossen von den Seiten ab als der Rest des massiven Gebildes folgte. Gotische Strukturen, Spitzbögen, Zinnen, Gargoyles und andere Wasserspeier, Türme, Kuppeln, Strebewerke, Pfeiler, Kapitelle, Maßwerk und mehr erhob sich aus dem Wasser, alles im reinsten Schwarz des Obsidians. Vor den vor Schock geweiteten Augen ihrer Anhänger rief Luna eine ganze Stadt vom Meeresboden.

Ihre Ausmaße waren gigantisch. Gleich einer Metropole ragte sie auf und bot Platz für mehrere tausend, wenn nicht gar zehntausend, Lebewesen. Alles errichtet in wenigen Minuten. Ehrfurchtgebietend. Es war ein einziges Bauwerk, aber unterteilt in verschiedenste Gebäudeteile die Unterschlupf für zahllose Menschen boten. Die pure Macht und Imposanz die es ausstrahlte, raubte allen den Atem.

Nur Luna nicht. Die stand immer noch mit geschlossenen Augen da. Das einzige was sich geändert hatte, war lediglich ein mildes Lächeln auf ihrem porzellanhaften Gesicht.
Der Zirkel starrte mit offenen Mündern in Erstaunen auf das was ihre Königin da geschaffen hatte. Wie lange sie da standen, konnte niemand von ihnen sagen. Angesichts einer solchen Machtdemonstration dehnte sich die Zeit und eine Sekunde fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Sie waren hoffnungslos in der Großartigkeit ihrer Anführerin verloren.
Nach einer unbestimmbaren Anzahl subjektiver Ewigkeiten war Despair die erste, die die Sprache wiederfand. Dünn und zitternd hing sie in der Luft in der Angst, den Moment zu zerstören. Sie verschluckte sich fast an ihrer eigenen Stimme als sie sprach.

„Das… das… ist ein Utopia.“

Senyaka antwortete. Es war wie ein Konterpunkt zu Despairs hoher, fast verschwindender Stimme. Er schien zu flüstern doch seine Stimme war tief und stetig. Irgendwie erinnerte sie an das Rascheln von Herbstlaub, das über einen Friedhof wehte.

„Necropia.“

Niemand widersprach. Es fühlte sich richtig an. Alle wussten, dass dies der Name war, unter dem das neue Paradies jetzt bekannt werden sollte.

Necropia

New X-Men 2019 Basti