Tage der Trauer 3 - Asuka

Mittag. Eine fast zwangsläufige Klimax nach den Traueranlässen am Abend des Vortags und dem Morgen dieses Tages. Die Sonne stand im Zenit über dem kleinen Wäldchen und dem sich tragischerweise schnell ausbreitenden Friedhof. Wieder war das Institut angetreten um eine der ihren auf Immer zu verabschieden. Asuka sollte den Abschluss einer erschütternden Serie von Beerdigungen bilden. Blass und scheinbar federleicht lag die hübsche Asiatin in einem zarten schwarzen Kleid in dem massiven Sarg, der sie nur noch zierlicher erscheinen ließ. Sie verschwand nahezu in dem schweren Samt des Futters. Nichts war mehr davon zu sehen dass eins von Dormammus Monstern ihr am Mt. St Helens mit einem einzigen Schlag das Genick gebrochen hatte. Kein hünenhafter Werwolf oder dunkelhäutiger Gott der im Kampf gefallen war lag hier sondern ein normales, schmächtiges Mädchen japanischer Abstammung von 13 Jahren. Diese eine Tatsache allein machte einen traurigen Anlass umso bedrückender.

Betreten und vielleicht auch etwas nervös drückten sich die Schüler auf den bereitgestellten Plastik-Klappstühlen herum. Nur noch dieses Begräbnis und dann wurde von ihnen erwartet die alltägliche Routine wieder aufzunehmen. Ein seltsamer Gedanke wo sie doch in den zwei Monaten wo sie hier waren bereits einen nahezu allmächtigen, multidimensionalen Eroberer bekämpft und dabei drei Freunde verloren hatten. Zuvor hätte sich das lächerlich angehört, eine Geschichte aus einem albernen Comic oder einem gnadenlos übertriebenen Fantasyfilm, aber das schien jetzt ihre neue Realität zu sein. Mehr als einer blickte auf das grüne Gras unter seinen Füßen weil er nicht wusste wo er sonst hinsehen sollte und fühlte einen nicht unbeträchtlichen Kloß im Hals.

Etwas Leben kam in die Menge als sie eine Bewegung registrierten. Hälse reckten sich und Köpfe drehten sich zum hinteren Ende des improvisierten Mittelganges. Die Vordersten sahen zuerst nichts und wunderten sich umso mehr über das leise Raunen, das sich von den hinteren Bänken ausdehnte. Je näher die Bewegung kam, desto mehr schlossen sich dem heimlichen Geflüster an, einige wenige verstummten auch vollständig als die Überraschung sie komplett übermannte. Wie ein Geist hing die Geräuschkulisse des Flüsterns über der Szene und ließ sie mit ihrem Erstaunen unwirklich erscheinen, als wären alle Teilnehmenden nur Träumer, die von einer Mitschülerin im Sarg fantasierten. Es war weniger die Handlung selbst als die Ausführende, welche all den stillen Aufruhr in den Reihen verursachte. Sie ging schweigend und so würdevoll wie möglich den Mittelgang entlang wobei sich ihre Identität durch ihre geringe Größe für entferntere Beobachter nur langsam erschloss. Nach den hervorragenden Rednern die ihr vorangegangen waren war sie eine große Überraschung, vielleicht sogar ein Schock.

Noodles.

Im Gegensatz zu den anderen Schülern trug sie kein Schwarz, nicht einmal ein Kleid oder auch nur ein Hemd. Nein, sie trug dasselbe was sie jeden Tag anhatte: Beige Shorts, einen schwarz-gelb gestreiften Pullover, Sneakers und eine Mütze mit Katzenohren, was umso absurder wirkte, da sie gerade mal einen Meter groß war. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, traute sich keiner zu lachen. Das war was sie jeden Tag trug, niemand wusste ob sie überhaupt etwas anderes anziehen konnte oder ob dies Teil ihrer Mutation war und sie an ihre manga-artige Erscheinungsform band. Es wirkte einfach so natürlich, so vertraut, beinahe unausweichlich, dass sie so auch zu Asukas Beisetzung erscheinen musste. Den Blick stur geradeaus gerichtet schritt das kleine Wesen unter der strahlenden Mittagssonne, die so unpassend für einen derartigen Anlass wirkte, weiter unbeirrbar auf den Sarg zu. Ihre übergroßen braunen Augen blickten nicht einmal seitwärts, sie schien ganz auf ihren Weg und das deprimierende Ende dessen konzentriert. Bei Kurt hätte die Geste trotzig gewirkt, bei M majestätisch, bei Ayleen vielleicht demonstrativ, bei Despair vielleicht herzzerreißend. Bei Noodles wirkte sie… verunsichernd.

Endlich war das kleine Enigma am Podest angekommen und machte sich den Weg hinauf, jede der drei Treppen nacheinander langsam und vorsichtig nehmend. Fast lag so etwas wie Würde darin, wie sie sicherstellte dass ihre Schrittweite für jede Stufe ausreichend war.
In den Gästereihen erklang kurz das Schaben von Stein auf Stein, als Rockslide sich bewegte um seinen Sitznachbarn Julian sachte anzuschubsen und sich zu seinem Ohr herunterzubeugen. Ein Ausdruck der Überraschung zeigte sich auf seinem Granitgesicht, als ihn ein nicht unbeträchtlicher Schub telekinetischer Energie davon abhielt, seinem Mitschüler ins Ohr zu flüstern und ihn wieder in Position zwang. Julian wollte gerade nicht hören was der latinostämmige Rowdy zu sagen hatte. Auf den grimmigen jungen Mann wirkte es unangemessen jetzt zu reden. Während Laurie sich in der Reihe davor versuchte die Gänsehaut aus dem Nacken zu massieren schien der einen freigelassenen Stuhl weiter sitzende Richard Paul diese beträchtliche Kraftdemonstration gar nicht bemerkt zu haben. Mit der stummen Beharrlichkeit eines Autisten starrte er weiter nach vorne wobei keiner sagen konnte ob er wie üblich in seiner eigenen kleinen Welt gefangen war oder ganz und gar auf die Vorgänge vor sich konzentriert war.

Noodles hatte mittlerweile das für sie viel zu große Rednerpult erreicht, die Ablage thronte fast unerreichbar ganze 30 cm über ihr, warf seinen dunklen Schatten auf sie und schien sie verspotten zu wollen. Gerade deshalb hatte ein vorausschauender Geist einen alten Stuhl aus dunkelbraunem Eichenholz für sie bereitgestellt, das zum Pult passende Material und die subtilen Verzierungen verstärkten den gewichtigen Eindruck der sonderbaren Kombination noch. Auch weiterhin zeigte sich kein Ausdruck auf Noodles bisher unbewegtem Gesicht als sie leicht in die Knie ging und sprang.

Leider zu kurz. Statt auf die Sitzfläche zu springen und diese als Standplattform nutzen zu können kam sie nur mit dem Oberkörper auf. Ihre kurzen Ärmchen packten reflexmäßig die gegenüberliegende Kante um sich daran festzuhalten. Als Resultat hing ihr Unterkörper in der Luft und die nur dürftig mit dem Torso verbundenen dürren Beinchen strampelten wild umher. Das war zu viel für die meisten Schüler. Unterdrücktes Lachen kam aus den Reihen und mehr als einer kehrte seinen Blick gen Boden um ein belustigtes Lächeln zu verbergen.

Es dauerte nur weniger Sekunden bis Donny kam um ihr zu helfen. Mit liebevoller Behutsamkeit umfasste er ihre Hüften und hob sie hinauf nur um sich dann unauffällig in den Hintergrund zurückzuziehen wie zuvor.

Plötzlich hatte sich die Situation verändert. Wo Noodles zuvor noch unter der Gürtellinie der anderen gelaufen war thronte sie nun auf einmal hoch über ihnen und sah auf sie herab. Der Stolz einer Königin umgab sie wie eine greifbare Aura und presste alle anderen in ihre Sitze. Langsam ließ sie ihren braunen Blick über die Versammlung schweifen, fokussierte jeden einzelnen für eine Sekunde, musterte ihn ganz genau. Als sie dies vollendet hatte hob sich ihre schmächtige Brust merklich in einem tiefen Atemzug. Alle hielten mit ihr den Atem an.

Was würde sie sagen? Würde sie nur wieder mit einer hohen Stimme das altbekannte „Noodles“ von sich geben oder würde sie ihr übliches Sprachmuster durchbrechen um die Tote zu ehren? Würde sie von Asukas Persönlichkeit sprechen, von ihren Hobbies, von ihrer Geschichte, wie sie ans Institut gekommen und mutig in ihre letzte Schlacht gegen Dormammu gezogen war? Sie alle hingen wie verzaubert an den Lippen der irgendwie irreal erscheinenden Managafigur. Noodles atmete wieder aus und sagte…

Nichts.

Sie sah sie alle nur wieder aus den großen Kreisen ihrer Augen mit den großen Pupillen an und schwieg weiterhin. Keine epische Rede, kein „Noodles“, nicht einmal ein „Lebwohl“. Was sollte das? Mehrere verzogen missgelaunt das Gesicht. Sie waren hierhergekommen um einer toten Gefährtin das letzte Geleit zu geben und jetzt bekam diese nicht einmal eine Abschiedsrede in der die Höhepunkte ihres Lebens aufgezählt wurden.

Mehr und mehr missmutige Ausdrücke verschwanden aus den Gesichtern und wurden durch Schock ersetzt, als sie verstanden. Keiner von ihnen hätte etwas sagen können. Keiner konnte etwas über die mutige Telepathin erzählen. Keiner konnte eine mit ihr gemeinsam erlebte Geschichte teilen. Läge Herman in diesem Sarg hätte bestimmt jemand über seinen in Marmeladengläsern gebrannten Schnaps gesprochen der wie Farbverdünner schmeckte. Im unwahrscheinlichen Falle von Rockslide hätte Julian erzählt wie sie sich ein- bis zweimal die Woche vom Gelände geschlichen hatten um auf illegale Straßenwetten zu sprechen. Wäre es Patrick gewesen hätten Julia oder Joanna seine Bewunderung für seine Schwester und seine tiefe Liebe zu den Kampfkünsten erwähnt. Bei Sam wäre gelobt worden wie er anderen Nachhilfe gegeben hatte. Joshs Glauben hätte eine Rolle gespielt. Reds offene Art. Über grundsätzlich jeden ließ sich etwas erzählen.

Nur über Asuka nicht. Niemand hatte sie wirklich gekannt. Sie war immer still und introvertiert gewesen, höflich aber hielt sich im Hintergrund. Als Gedankenleserin wusste sie unabsichtlich so viel über die anderen und war selbst wie ein Geist gewesen. Sie hatte wahrscheinlich gewusst dass Everetts Lieblingsfarbe blau war, dass Mollys Lieblingsserie die Power Puff Girls waren oder dass Billys Lieblingsbeschäftigung die Malerei war. Niemand konnte auch nur den Bruchteil davon über sie sagen. Mit all den flamboyanten Persönlichkeiten wie Antwon oder Katie war sie einfach untergegangen, es gab scheinbar einfach nicht genug Zeit sich mit ihr zu beschäftigen und nun war ihre Zeit dramatisch und endgültig zu Ende gegangen. Die meisten wussten nicht einmal wie man ihren Namen eigentlich korrekt aussprach: aSCHUka. Betonung auf die zweite Silbe und das S wie Sch ausssprechend.

Wut, Trauer und Scham überflutete die Gruppe als sie das endlich bemerkten. Einer nach dem anderen senkten sie die Köpfe und bezeugten einer gefallenen Kameradin Respekt die zwar ihr Leben für sie alle und die ganze Welt gegeben hatte, die ihnen jedoch nie nah gewesen war. Sie würde zwar in dem Jahrbuch des Charles Scott Lee Instituts vermerkt sein, aber was blieb außer der Erinnerungen derer um sie herum? Und wie viel war das? Wie konnte so etwas passieren?

Erst als auch Richard Paul die Stimmung des Moments aufnahm und wie die anderen sein Haupt senkte zeigte sich Noodles zufrieden und verließ ihren Rednerplatz um sich kurz vor dem Sarg zu verbeugen bevor sie sich wieder auf den Weg zurück durch die Reihen machte.

Gestandene zehn Minuten standen die Lehrer und Schüler des CLSI in Einheit da und gedachten Asuka Himachi. Sie war gestorben um die Welt zu retten, aber ihre Beerdigung hatte auch das Insitut verändert.

Nach diesem Ereignis würde der Umgang der Schüler miteinander ein ganz anderer sein.

Tage der Trauer 3 - Asuka

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