Tage der Trauer 2 - Cristobal

Die Sonne ging früh auf an diesem Morgen. Wie ein feuriger roter Ball hing sie erst halb sichtbar über dem Wald und warf ihr beruhigendes, orangefarbenes Licht auf die seltsame Prozession. Ein riesiges Steinmonster, ein Junge aus dessen Brustkasten Feuer loderte, ein Mädchen mit Libellenflügeln, ein laufender Gelatinemann und andere, merkwürdigere Gestalten zogen auf ihrem stummen Weg vor der malerischen Kulisse eines Waldes in der sich noch aufwärmenden Luft des frühen Morgens voran. Noch glitzerten verträumte Tautropfen auf den Grashalmen, Schlaftränen eines erwachenden Tages. Normalerweise wäre um diese Uhrzeit verstimmtes Gemurmel und vielseitiges Getuschel von ihnen zu hören gewesen, aber der traurige Anlass dieser frühmorgendlichen Zusammenkunft leuchtete selbst dem hartnäckigsten Langschläfer ein.

Eine Beerdigung. Der Kampf gegen Dormammu und seine Schergen war erst wenige Tage her, einige der Jugendlichen trugen noch immer Verbände da Carmelita, Katy, Billy und Josh nicht mit den Heilungen nachkamen, weshalb mehr als einer einen Arm in der Schlinge trug oder auf Krücken hierher humpelte. Aber wenigstens konnten sie noch humpeln. Ein Luxus zu dem drei ihrer Kameraden nicht mehr in der Lage waren. Ein weiterer dieser drei wurde heute zu Grabe getragen. Kurzes Geächze erhob sich lediglich, als sich übermüdete und geschundene Körper auf die bereitgestellten Stühle niederließen. An diesem Morgen würde Cristobal zu Grabe getragen, ein Exot selbst unter den ungewöhnlichen Schülern des Charles Scott Lee Instituts.

Er war älter als sie gewesen, ja, aber das allein war es nicht. Er schien einfach aus einer anderen Welt zu kommen, einer Welt die so anders war als alles, was sie gewohnt waren. Eine abenteuerliche Welt. Zwar voller harter Arbeit und Schmerzen doch gewiss nicht ohne Schönheit. In seinem aufreizenden Äußeren hatten sich die ansprechendsten Züge seiner afroamerikanischen und Latino-Herkunft zu einem faszinierenden Amalgam gemischt. Seine Vergangenheit war eine spannende Geschichte die in Haiti begann und im finalen Kampf am Mount St. Helens ein tragisches Ende gefunden hatte. Stärker als jeder andere von ihnen hatte er sich selten außerhalb des Unterrichts mit ihnen abgegeben. Still und hart, die Hände und der ganze trainierte Körper von körperlicher Arbeit gekennzeichnet. Gnadenlos. Ein Kämpfer mit einem physischen Potential jenseits aller Vorstellungskraft.
Es war ein Schock, den scheinbar Unbesiegbaren nun hier aufgebahrt zu sehen. Es hatte viel gebraucht, unglaublich viel, aber letztendlich war Achill gefallen. Legionen von Bestien. Eine gewaltige Explosion. Das Erlöschen des Vulkans hatte auch das Ende des mächtigen Kriegers markiert.

Niemanden überraschte es, als M auf das Rednerpult trat. Sie war seine Freundin, seine Geliebte gewesen, wahrscheinlich die einzige, die ihn wirklich kannte. Wer sonst als die perfekte Frau hätte mit dem mysteriösen Wanderer zusammen sein können, geschweige denn die richtigen Worte für seine Beerdigung finden?

Sie sah atemberaubend aus. In Kontrast nicht nur zur Kleidung der anderen sondern auch zu ihrer eigenen Haut trug sie ein leichtes weißes Sommerkleid dessen blütenweißer Stoff im Licht der Morgensonne zu leuchten schien. Ihr schokoladenbrauner Teint hob sich deutlich von dem reinen Weiß ab und harmonierte gleichzeitig damit. Das eine schien nahtlos in das andere überzugehen und war dennoch klar abgegrenzt. Licht und Dunkelheit in einer überwältigenden Kombination gekrönt von einer frei fallenden Kaskade seidiger schwarzer Haare die sich glatt aber ungebändigt über ihren Rücken ergossen.

Genau wissend was sie tat blieb sie einen Moment stehen und ließ ihren Anblick auf die Beerdigungsgesellschaft wirken. Trotz des traurigen Anlasses wirkte sie gefasst, nahezu gelöst. Ein mildes jedoch auch melancholisches Lächeln zierte ihre perfekt geformten Lippen. Eine fortgesetzte Dichotomie, die bereits in ihrer Kleidung ihren Anfang gefunden hatte. Irgendwie beruhigte es die Gäste, nahm die Spannung aus allem. Eine Frau die so offensichtlich vollkommen war wie M teilte ihre Trauer, vermittelte ihnen aber auch gleichzeitig Stärke obwohl sie im Zentrum des Kummers stand.

Als sie sprach war ihre Stimme tief und sanft, wie dunkler Samt der sich kühlend über wunde Gemüter legte. Ihr Ton berührte die Anwesenden im Innern und gleich einer magischen Note brachte sie etwas in ihnen zum Klingen.

„Ich hätte meine Trauerrede gerne mit einem philosophischen Zitat von Corey Taylor wie

All unsere Fragen sind Antworten auf unsere Sünden,
All unsere Sünden sind Fragen die wir nie gestellt haben
Und er war ein Mann der endlosen Fragen.

begonnen, aber das hätte nicht zu Cristobal Santiago gepasst. Nicht weil er dumm war, ganz im Gegenteil, er war lediglich ein praktisch denkender Mann. Philosophie und was-wäre-wenn-Spielchen hatten in seiner Welt keinen Platz, er beschäftigte sich von jeher mit ihr wie sie war. Ihr wusstet wenig von ihm und das war teilweise auch seine Schuld, doch ich will euch ein wenig über ihn erzählen.

Der Morgen war seine Lieblingszeit. Deshalb treffen wir uns hier zu Sonnenaufgang. Dieser Anblick erinnerte ihn immer an seine Kindheit wenn er und seine Mutter im ersten Licht der aufgehenden Sonne über die Zuckerrohrfelder zur Arbeit gingen. Das Leben war hart für ihn in dieser Zeit. Zwölf Stunden Arbeit und mehr, dennoch beklagte er sich nie. Er sah seine wunderschöne Mutter neben ihm arbeiten, den Schweiß auf ihrer ebenholzfarbenen Stirn, den stolzen Rücken durchgedrückt und die eleganten doch mit Hornhaut bedeckten Hände Stange um Stange abbrechend. Ja, eine harte Zeit, aber auch eine ehrliche Zeit die ihn lehrte ohne Ermüdung zu arbeiten und seine Vorstellungen für später formte, eine Zeit welche den Anstand und den Wunsch in ihm formte mehr zu werden.

Weiß war seine Lieblingsfarbe. Er konnte nicht erklären, warum. Er mochte sie einfach. Als ich ihm erklärte, dass Weiß alle Farben des Spektrums beinhalte und in sich vereinige, sagte er nur, dass das ein genauso guter Grund wäre Weiß zu mögen wie jeder andere. Er sagte auch, es stünde für Reinheit und Unschuld, zwei Dinge die er in seinem Leben seit Langem vermisse. Sie sei die Farbe des Lichts, das er in diesem Gladiatorenkerker so lange entbehrt habe. Sie erinnerte ihn auch an Sauberkeit, wie die weißen Laken des Hotels für das seine Mutter wusch an den Wäscheleinen hing, im sanften Wind Haitis wehten und in der Sonne leuchteten. Aber letztendlich, so sagte er immer, sei es nur eine Farbe und er wisse nicht, wie man sie nicht mögen könne. Deshalb trage ich heute dieses Kleid. Es war sein Lieblingskleid und er liebte es, mich darin zu sehen.

Er war Drogensüchtiger und Analphabet. Ersteres wurde ihm von anderen angetan, als sie ihn zwangen, in diesen modernen Gladiatorenspielen andere zu töten um selbst zu überleben. Anders konnten sie ihn nicht kontrollieren, sein Wille und sein Körper waren zu stark für sie, also griffen sie zu künstlichen Substanzen, um ihn im Zaum zu halten. Nach seiner Befreiung kam er darüber hinweg, aber es waren lange Nächte in dieser Isolationszelle, gefüllt mit Fieber, Zittern und heißem Verlangen. Später sagte er mir, meine Stimme in der Dunkelheit sei das einzige was ihn habe durchhalten lassen. Er erinnerte sich einige Monate später daran und war an Susan Richards Seite, als sie ihren Alkoholentzug durchmachte. Dass sie heute in der ersten Reihe sitzt um ihn zu verabschieden spricht für die moralische Stärke von beiden.

Letzteres wurde ihm von der Welt angetan. Vielleicht verstehen manche von euch jetzt, warum er nie Hausaufgaben abgab. In seiner Vergangenheit war es immer wichtiger, zu arbeiten und Geld zu beschaffen als diese rätselhaften schwarzen Zeichen auf dem Papier zu entziffern. Wenn er sich abends völlig entkräftet nach Hause schleppte, hätte niemand mehr die Energie aufgebracht um das zu tun. Als er endlich die Zeit hatte, arbeitete er hart, um diesen Makel wettzumachen, aber es war nicht einfach. Mehr als einmal warf er die Blätter wutentbrannt durch den Raum und ein Kugelschreiber bohrte sich bis zum Anschlag in die Wand. Doch er gab nie auf. Auch hier war er ein unermüdlicher Krieger.

Seine Körperkräfte waren ohnegleichen. 100 Tonnen oder mehr. Das wisst ihr bereits, euch entging jedoch stets, was das für ihn bedeutete. Obwohl Molly theoretisch stärker ist als er, muss sie nicht konstant mit der Bürde übermenschlicher Kraft leben. Es gibt eine Geschichte, welche dies mehr verdeutlicht als alles sonst, was ich euch erzählen könnte…

Wir lagen in den Trümmern unseres Zimmers in der Dunkelheit, schwer atmend in der Zer-störung um uns herum. Wir hatten uns gerade geliebt. Wenn solche wie wir, mit derartigen Körperkräften, der Leidenschaft freien Lauf lassen, leidet die Umgebung zuweilen. Kleine Schweißtropfen glitzerten auf unserer dunklen Haut. Sein kraushaariger Kopf lag in meinem Schoß und er sah mich aus seinen großen, braunen Augen an. Zärtlich strich ich ihm über die Stirn. Dies waren die schönsten Momente in unserer Beziehung, langsam, still, zärtlich, fast stillstehend. Wir pflegten hin und wieder, uns Geschichten aus unserer Zeit vor dem Institut zu erzählen und als er mich diesmal darum bat, ihm mehr über mich zu enthüllen, zögerte ich nicht.

Ich erzählte ihm von meiner Kindheit im Süden, in dieser großen Gouverneursvilla, die so unpassend zu einer schwarzen Familie schien. Und von den Porzellanpuppen meiner Mutter. Sie waren so schön, so zart, dass man mit ihnen spielen wollte. Man wollte sie lieb haben, in die Arme nehmen und behutsam drücken, sie vor allem Schaden beschützen, einfach nur weil sie so klein, süß und unschuldig waren. Ihre kleinen Äuglein blickten einen so liebevoll an, dass man kaum widerstehen konnte. Tat man es doch, zerbrachen sie oft. Dann tat es einem leid, was man getan hatte. Weinend saß man über den Überresten und versuchte, die Scherben wieder zusammenzufügen und zerbrach sie dabei nur in noch mehr Teile. Es ließ einen in dem schuldigen Bewusstsein zurück, etwas Wunderschönes zerstört zu haben, nur weil man es lieben wollte. Tränen folgten. Irgendwann würde einen dann die Mutter im Halbdunklen über die Scherben gebeugt finden und kopfschüttelnd gleichzeitig zu trösten und zu mahnen versuchen.

Als ich mit der Geschichte fertig war, merkte ich, dass er mich ansah. In seinen Augen schimmerte es feucht. Dann strich er mit seiner schwieligen über meine Wange und sprach leise zitternd die Worte, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde:

„Gerade eben hast du beschrieben, wie ich mich den Großteil meines Lebens fühle…“

Cristobal zerbrach nicht so leicht wie die Porzellanpuppen oder ihr, aber letztendlich zerbrach er. Er starb, wie er gelebt hatte, als Krieger gegen Umstände die eigentlich außerhalb seiner beträchtlichen Macht lagen. Er hatte gegen Armut, Isolation, Gefangenschaft in diesem Gla-diatorenring und unzählige andere Dinge gekämpft und trotzdem gewonnen. Doch am Ende fand er etwas, das selbst er nicht besiegen konnte. Ich fand ihn auf einem Haufen erschlagener Gegner so hoch wie ein großer Hügel. Achill war am Ende doch gefallen. Nicht ohne Kosten für den Gegner. Nur Donny tötete an diesem Tag mehr, glaube ich.

Cristobal Santiago war ein Krieger und in welches Walhalla er auch immer eingehen mag, er hat es verdient dass es freundlicher zu ihm ist als diese harte, kalte Welt die ihn immer zwang zu kämpfen. Er starb so wie er gelebt hatte, nicht für sich kämpfend, sondern für andere. Er starb für euch, für mich und so viele andere. Ich hoffe, dass wir dieses selbstlose Geschenk das er uns machte, diese Chance, die Zukunft die er uns gab, nutzen können. In unser aller Namen danke ich ihm.“

Und gerade, als M diese letzten Worte sprach, begann der Sarg sich zu senken. Langsam, melancholisch, würdevoll drehte sich die wunderschöne Schwarze um und begleitete ihren Liebhaber auf den Weg ins das tiefe, dunkle Grab mit ihren Blicken. Nur die mit den schärfsten Sinnen konnten ihren geflüsterten letzten Gruß hören, der sich im diffusen Licht des Morgens und einer leichten Brise verlor.

„Goodbye Baby, ich liebe dich…“

Tage der Trauer 2 - Cristobal

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