Abschied

Abschied

Der Tag war noch früh, viel zu früh, um auf den Beinen zu sein, zu früh, um zu denken, zu früh, um Abschied zu nehmen. Am Vorabend hatten sie erst beschlossen, dass es besser war, sich zu trennen, jetzt war es so weit. Die halbe Nacht hatten sie zusammen gesessen, Pläne geschmiedet, wer mit wem gehen sollte. Hätte Ayleen wählen können, sie wäre mit Carmelita, Pablo, Jason, Kurt und Sooraya losgezogen. Vielleicht noch mit M. Kurt hätte darauf bestanden, Mondo mit zunehmen.

Jetzt war alles ganz anders. Sie würde auf Cordelia angewiesen sein. Sie hielt Cordy für eine tickende Zeitbombe und war sich nicht sicher, ob Cordelia wusste, wie sie über sie dachte. Vielleicht war es ihr auch egal. Cordelia war zwar die kleine Schwester von Mrs. Frost, doch schien sie längst nicht so verantwortungsbewusst. Ayleen trug die Sorge, dass Cordelia sie je nach Bedarf und Belieben manipulieren und beeinflussen würde, wenn ihr etwas nicht passte. Es war nicht so, als ob sie ihr nicht trauen würde, doch war Cordelia zu unreif, eine Gruppe zu führen und Verantwortung zu übernehmen.

Ayleen seufzte. Es ging wohl nicht anders. Und Cordelia schien eine starke, integere Persönlichkeit zu sein, die fest zum Institut stand. Das allgemeine Verabschieden begann. Codelia sprang ins Auto und ließ den Wagen an. Laute Musik ertönte aus den Boxen. Ayleen nickte Sarah zu. Sie traute sich nicht, irgendjemanden anzufassen, aus Angst, ihren Körper nicht unter Kontrolle zu haben. Tarot drückte sie kurz. „Uns blieb leider keine Zeit, uns richtig kennen zu lernen“, seufze Ayleen, „aber vielen Dank für deine Hilfe!“ Tarot nickte lächelnd. „Ich weiß, dass wir uns wieder sehen werden, die Karten wollen es so.“ Dann zog sie still und anscheinend willkürlich eine Karte aus ihrem Deck und hielt sie Ayleen hin. „Die Liebenden“, verriet Tarot und deutete auf das Pärchen, das unter der Sonne spazieren ging, „die Entscheidungen, die du in nächster Zeit triffst, stammen aus deinem Herzen. Vetrau ihnen und stelle sie nicht auf die Probe! Du bist stark!“ Dann drehte sie sich herum und ging wortlos. Das Mädchen war ihr ein Rätsel.

Sooraya verbeugte sich tief vor Ayleen, bevor sie sich kurz und andeutend umarmten. „Pass auf dich auf, azizem“, sagte Sooraya und man sah sie hinter ihrem Schleier mit den Augen lächeln. „Du auf dich auch – und lass dich nicht vom Staubsauger erwischen“, Ayleen konnte es sich nicht verkneifen. Jetzt lachte Sooraya. „Ich glaube, in Japan gibt es nur Handfeger, du weißt, alles nur nach Tradition.“

Jason stand etwas abseits und schaute geknickt in die Ferne. Ayleen lief zu ihm. „Na, gespannt, was auf uns wartet?“ fragte sie ihn und kraulte ihn zwischen den Ohren. Er schmiegte seinen großen Kopf in ihre Hand. „Vermissen!“ knurrte er. Ayleen umarmte ihn noch einmal. „Ich werde dich auch vermissen, Großer!“

Dann sah sie Kurt. Er schien auf sie zu warten. Langsam lief sie auf ihn zu, im Augenwinkel Ruby, die sie misstrauisch beobachtete. Dicht voreinander blieben sie stehen. Eine Weile schwiegen sie sich an. „Gib’s zu, Baby, du vermisst mich jetzt schon!“ grinste er sie von oben herab durch seine Sonnenbrille an. Sie sah ihn skeptisch verschmitzt an. „Bild dir ja nicht zu viel ein, so sexy bist du nicht!“ konterte sie. „Aber meine Moves auf dem Skateboard…“ Ayleen zuckte mit den Schultern und zog eine Schmollippe: „Hab schon bessere gesehen.“ Wieder schwiegen sie sich an. „Mach keine Dummheiten, ja?“ brach sie das Schweigen. „Sie zu, dass du überlebst“, seine Stimme war weich und leise geworden.

In den letzten Wochen hatten sie sich kaum gesehen und sehr weit voneinander distanziert, doch in diesem Moment, als er die Sonnenbrille abnahm, sah sie in seinen Augen den alten Kurt, ihren Kurt vor sich stehen und die tiefe, sehnsüchtige Schwere des Abschieds drückte auf ihr Herz.Das Schlucken fiel ihr Schwer. Er nahm sie in den Arm und drückte sie fest an sich. „Du wirst doch jetzt nicht melodramatisch oder?“ flüsterte sie ihm zu und versuchte ihre Trauer zu überspielen. Sie spürte seinen warmen Atem im Nacken als er grinsend ausatmete. „Nein, die Jungs schauen nur her. Sie sollen denken, wir hatten was miteinander!“ sagte er und drückte sie noch fester an sich. „Idiot!“ lächelte sie. Dann stieg er in Icebergs Bus und verschwand hinter den silberfarben getönten Scheiben.


Abschied

New X-Men 2019 Leeana