Auf der Flucht

Connor Francis O´Murphy war auf der Flucht.

Im Nachhinein tat es Ihm beinahe Leid, den Wachtposten, der Ihm eigentlich nur etwas zu Essen hatte bringen wollen, niedergeschlagen zu haben, aber es ließ sich leider nicht anders machen. Er hatte die Wege in der Einrichtung einige Wochen studiert und sich ausrechnen können, wo er den Ausgang finden würde. Dort auch vorbeizukommen erwies sich als relativ leicht Übung, bedachte man die Tatsache, daß er seine Gestalt nach Belieben verändern konnte UND sich mit Armyprozeduren und entsprechenden Abzeichen auskannte. Dazu noch die Zugangskarte des Wachpostens… es war eben, wie sein alter Ausbildungssergeant gesagt hatte, nur eine Frage der Geschwindigkeit.

Abgesehen davon war der Wachposten sowieso ein Arsch… er hatte Ihn immer wie eine Art Labortier behandelt. “Kannst Du auch ne Bank? Mach mal nen Stuhl! Spiel Statue!” Glücklicherweise hatte Connor immer darauf geachtet, nur die Form von Gegenständen anzunehmen, auch in den Tests, die manchmal über Tage hinweg gingen. Dadurch war niemand darauf gefasst, daß er sich auch in einen Menschen verwandeln konnte.

Als er dann den Parkplatz betreten und den Signalgeber am gestohlenen Schlüsselbund des Corporals betätigt hatte, war er froh gewesen, daß der Corporal offenbar ein Potenzproblem hatte, das er mit einem nagelneuen und ganz offensichtlich getunten Mustang GT ausgleichen wollte. Mit diesem Fahrzeug verließ er die Einrichtung problemlos.

Das Navigationssystem verriet Ihm, daß er sich in der Nähe von Fort Dodge, Iowa befand. Ein Blick auf die Tankanzeige, ein weiterer in das Handschuhfach und das Staufach zwischen den Vordersitzen förderte einen fast vollen Tank, zwei Päckchen Zigaretten und eine Brieftasche samt Kreditkarte zutage. Dazu noch der Ausweis des Corporals (Geheimeinrichtungen und ihre Vorschriften… Connor war noch nie so dankbar für die Vorschriften der Army gewesen, die besagten, daß sämtliche Identifikationsmöglichkeiten in Geheimeinrichtungen strikt untersagten). Nun fehlte nur noch eine passende Form für dieses Auto.

Wie hieß dieser Schauspieler aus diesem Knight Rider Remake noch gleich? Ach ja… Perfekt! Connor alias Justin Bruening gab Gas…

Zwei Tage später

Connor hatte gerade an einer kleinen 24/7-Takstelle kurz vor Jupiter, Florida halt gemacht, einer Art Vorort von Miami, der der ständig wachsenden Stadt wohl nicht mehr lange entgehen würde. Dort wollte er tanken und sich ein neues Nummernschild besorgen, nach Möglichkeit von einem schon länger dort geparkten Wagen, aber er war nicht wählerisch. Die Kreditkarte und die Papiere des Corporals hatte er, nachdem “der Corporal” weitere 2.000 Dollar abgehoben hatte, entsorgt und hatte auch den im Wagen angebrachten Peilsender bei der erstbesten Gelegenheit entfernt und einem LKW mit der Aufschrift “Flowers By Inga” angehängt. Mit etwas Glück suchten sie Ihn inzwischen irgendwo in Washington.

Nachdem der Tank des Mustang wieder gefüllt und ein Nummernschild besorgt war, wollte er sich gerade an einen etwas stilleren Ort zurückziehen, um die Schilder anzubringen, als neben Ihm ein Wagen hielt. Mit einem Blick erfasste er den alten Nissan Skyline, Baujahr vermutlich irgendwann in den 200ßern, die offensichtlich sehr neue Perlglanzlackierung, die zierenden Vinylaufkleber, die zum einen vom Stolz des Besitzers auf dessen Samuraierbe und zum anderen von allen möglichen verbauten Tuningteilen kündeten.

Bevor Connor wieder einsteigen konnte, senkte sich das Beifahrerfenster des Wagens und im Innenraum wurden ein offensichtlich japanischer Fahrer und seine äußerst gut aussehende Beifahrerin sichtbar. “Hey, Gaijin, Lust auf ein Rennen?”, fragte der Fahrer ohne Umschweife. Dabei lehnte er sich, sich lässig mit einem Ellenbogen auf dem Fensterrahmen abstützend, leicht aus dem Fenster, sodaß seine Tattoos sichtbar wurden. “Sorry, kein Interesse”, gab Connor zurück und wollte eben in seinen Wagen einsteigen, als hinter Ihm kurz das rot-blau eines Streifenwagens aufblitzte. Überzeugt, daß nicht er gemeint sein konnte, setzte sich Connor an das Steuer des Mustang, während der Japaner ruhig sitzen blieb und Ihn angrinste. Die beiden Polizisten im Wagen direkt hinter Ihm stiegen aus… doch im Gegensatz zu einer normalen Verkehrskontrolle zogen sie direkt ihre Waffen und richteten sie auf… Connor. Der sah das im Rückspiegel und reagierte mit geschulten Reflexen. Wagen anlassen, Tür schließen und Gas geben, erfolgten in wenigen Sekunden, noch bevor die überraschten Polizisten reagieren konnten.

Mit stetig wachsender Beschleunigung jagte er aus der Tankstellenausfahrt auf die frühmorgentliche Straße und hörte hinter sich die Schüsse der Polizisten. Im Rückspiegel sah er den Skyline langsam Gestalt annehmen, der langsam aber stetig zu Ihm aufschloss. Als dieser auf gleicher Höhe angelangt war, bedeutete Ihm der Fahrer, sein Fenster zu senken, was Connor auch tat.

“Scheint, als müßten wir unser Rennen verschieben, hm?!” Connor nickte nur und konzentrierte sich auf die Straße. “Ich sag Dir was! Ich weiß zwar nicht, was Du angestellt hast, aber Dein Start war schick. Wenn Du frei bleiben willst, dann fahr mir nach. Aber erst kümmere Dich um die Bullen. Ich nehme mal an, Du kannst mit sowas umgehen?” Mit diesen Worten warf er Connor eine 9mm durch das geöffnete Fenster in den Schoß. Connor nickte wieder und bedeutete dem Japaner, vorauszufahren. “Ich komm gleich hinterher. Dauert nicht lange”, rief er dem Asiaten zu.

Während er den Wagen langsamer werden ließ, prüfte Connor den Ladezustand der Glock. Magazin voll, eine im Lauf. “In Ordnung, Zeit in Aktion zu treten”, rief er sich das alte Motto seines Gunnys ins Gedächtnis. Möglicherweise hatte der Japaner geblufft oder würde Ihn später verkaufen, aber er wollte sich diese Chance nicht ungenutzt durch die Lappen gehen lassen. Im Rückspiegel wurde der Polieiwagen, der mit blinkenden Lichtern und jaulender Sirene hinter Ihm herjagte, allmählich größer. Connor betätigte die Handbremse, riss das Steuer herum und legte den Rückwärtsgang ein. Sein neuer Körper leistete Ihm hervorragende Dienste, was manipulatives Geschick und Hand-Augen-Koordination anging und so konnten die Polizisten nur überrumpelt zusehen, wie er dielinke Hand mit der Pistole aus dem Fenster streckte und zwei schnelle Schüsse abgab, die die Vorderreifen des Carbon E7 zerfetzten. Connor grinste kurz zu den beiden Polizisten hinüber und fragte sich einen Augenblick, wem das “Gotcha”, das auf der vorderen Stoßstange prangte, nun wohl galt. Dann wendete er erneut auf nahezu halsbrecherische Art und beschleunigte dem Skyline hinterher. Dieser bog fünfzehn Minuten später in ein Parkhaus ein und fuhr auf das Parkdeck der ersten Ebene.

Als Connor den Motor des Mustang abstellte, stand der Japaner bereits telefonierend abseits, während sich seine gleichfalls asiatische Begleiterin bei geöffneter Tür auf dem Beifahrersitz befand. Connor konnte nicht genau verstehen, was der Asiate sagte, aber nach wenigen Minuten legte der auf und kam zu Ihm herüber. “Du bist ein guter Fahrer”, sagte der Japaner ohne Umschweife, “aber bevor wir weiterreden, sollten wir uns erstmal von hier verziehen. Die Bullen kommen bestimmt bald drauf, daß wir nicht mehr auf der Straße sind. Zum Glück kenne ich hier ein gutes Diner. Kachiko, steh mal eben auf. Unser neuer Freund muß auf den Rücksitz” Connor quetschte sich auf den nicht gerade geräumigen Rücksitz und der Japaner, der sich Ihm als Tetsu vorstellte, ließ den Wagen wieder an. Der Mustang blieb samt Zündschlüssel im Parkhaus zurück.

“Irgendwas ist seltsam!”, ließ sich Tetsu vernehmen. “Der Wagen zieht irgendwie stark nach rechts. Ich würde ja sagen, daß das an Dir liegt, aber so dick bist Du doch gar nicht”, grinste Connor an. Der sah betroffen zu Boden, was das Grinsen des Asiaten verschwinden ließ. “Na, das klären wir gleich”, versprach er und bog auf den Parkplatz von Ellie´s 50´s Diner ein, das um diese nachtschlafende Zeit glücklicherweise geöffnet hatte. “Jetzt müssen wir Dich nur noch irgendwie tarnen”, eröffnete Ihm der Asiate und stieg aus, um den Inhalt seines Kofferraums zu untersuchen. Connor klappte den Fahrersitz nach vorne und stieg aus. Ein kurzer Rundumblick verriet Ihm, daß es hier keine Überwachungskameras gab.

Er tippte Tetsu auf die Schulter, sah ihm in die Augen und sagte: “Mein Vater hat mir beigebracht, daß Menschen, die einem helfen, immer die Wahrheit verdienen”. Mit diesen Worten änderte er seine Gestalt, wurde zu einem Asiaten von etwa 1,70 Körpergröße und ähnlicher Statur wie Tetsu. Der riss erst einmal die Augen auf… und lachte dann. “Als hätte ich´s geahnt. Du bist ein Mutant!” Connor kommentierte das mit einem kurzen “Ja” und sah den Japaner mit einem “Und was nun?”-Blick an. Der ließ, immer noch grinsend, einen kleinen, grünlich glühenden Ball in seiner Handfläche entstehen. “Mach Dir keine Sorgen, Mann. Du bist nicht allein!” Connor atmete hörbar auf… und spürte eine Berührung an seinem Hals. Ein Blick nach unten förderte kein Ergebnis zutage, also drehte er sich um, um gerade noch zu sehen, wie sich Kachiko wieder sichtbar machte. Sie hielt ein japanisches Messer in der Hand, das mörderisch scharf aussah. Auch sie lächelte Ihn an und nickte in Richtung Tetsu. “Mein Bruder hat Recht, Du bist nicht allein”.

Im Diner, während eines ausgiebigen Frühstücks, erläuterte Ihm Tetsu die weitere Vorgehensweise. Sie würden hier bald abgeholt werden, Tetsu´s auffälliger Skyline war bereits abgeholt worden und fuhr nun Richtung Orlando, wo er eine neue Lackierung, neue Nummernschilder und bei dieser Gelegenheit gleich einen doppelten Turbolader erhalten würde, den Tetsu schon lange hatte einbauen lassen wollen. Zudem würde man die Fahrgestellnummern austauschen und das alte Auto quasi verschwinden lassen.

Tetsu erwies sich als Planungs- und Organisationsgenie, welches zwar ein wenig mit der hier ansässigen japanischen Mafia zu tun hatte, aber eben nur etwas. Er entstammte einer alten Yakuza-Familie, die von ihm und seiner Schwester aber aufgrund der Mutationen offiziell nichts mehr wissen wollte. Glücklicherweise hatte er sich in der Vergangenheit durch einige gut gelungene Aktionen eine eigene kleine Organisation aufbauen können, die verschiedene Mutanten aus der Umgebung vereinte und offziell nichts mit der Yakuza zu tun hatte, inoffiziell jedoch gelegentlich “Spezialkräfte” stellte, die problemfrei auftauchen, einen, hauptsächlich auf Kurierdiensten basierenden, Job erledigen und wieder verschwinden konnten. Nachdem Connor in Kurzform seine neuen Fähigkeiten geschildert hatte, erklärte Ihm Tetsu, daß die Mitglieder seiner Truppe, die er einfach “die Transporter” nannte, im Gegenzug für Ihre Dienste zum einen natürlich fürstlich entlohnt würden, zum anderen seine Protektion in Form neuer Identitäten, Unterkunft und Verköstigung genössen. Seine Leute könnten tun und lassen, was sie wollten, er selbst habe ein paar Tuningwerkstätten und ein nettes kleines, von der Polizei relativ unbehelligtes Streetracingenternehmen am Laufen und er könne sich auch ziemlich gut vorstellen, daß Connor dort einen Platz finden könne.

Nach dieser Zusammenfassung sah Tetsu Connor direkt in die Augen. “Na, was sagst Du?” “Ich wäre schön blöd, so ein Angebot nicht anzunehmen!”, antwortete Connor. “Gut, dann fehlt Dir eigentlich nur noch ein neuer Name. Schon eine Idee?” Connor mußte nicht lange überlegen.

“Toretto. Dominic Toretto”, grinste er die Geschwister an.

Auf der Flucht

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