Der Morgenmuffel

Morgens, 7 Uhr
Sie erwachen mit einem fröhlichen Lächeln, reißen die Augen auf und federn aus dem Bett, energiegeladen gehen sie den neuen Tag an.
Kennen sie das?
Ich auch nicht…

Sharky, Marc´s bester Freund, hatte dieses Banner unlängst auf seinem Facebook-Account veröffentlicht und ihn darauf markiert.
Es passte aber auch viel zu gut!

So quirlig Marc auch als Kind gewesen war, so schnell er morgens aus dem Bett und auf den Beinen war, das alles änderte sich schlagartig, als er die Pubertät erreichte.
Von einem Tag auf den nächsten kam er morgens kaum noch aus dem Bett. Er konnte kaum die Augen öffnen.
Seine Eltern gingen zunächst von einer Grippe aus, ließen den Arzt kommen (der ihm ein Grippemedikament für Kinder verschrieb, das scheußlich schmeckte und nichts bewirkte) und steckten ihn für 2 Wochen ins Bett, die er bis auf gelegentliche Toilettenbesuche oder Speisen (die er im Bett serviert bekam) vollständig verschlief.
Nach diesen zwei Wochen ging es ihm nicht wirklich besser und seine Eltern brachten ihn zu einem Spezialisten, einen alten Studienfreund seines Vaters.
Der steckte ihn erstmal in ein Schlaflabor und machte jeden Test, der ihm in den Sinn kam.
Die Diagnose war einfach: Marc fehlte… nichts.
Der Spezialist sagte, daß so etwas in der Pubertät vorkäme. Der Körper verändere sich und manchmal brauche ein junger Mann nun mal etwas Starthilfe.
Er empfahl, Marc am Besten morgens eine große Tasse Kaffee zu machen.

Am nächsten Morgen befolgte seine Mutter den ärztlichen Rat (in der Hoffnung, daß die einfachste Lösung vielleicht immer noch die beste sei) und brachte Marc einen Becher Milchkaffee ans Bett, den Marc langsam trank. Da Marc selten bis gar nicht zu den Kaffeetrinkern zählte (sein Vater als IT-Fachmann konnte ohne Kaffee nicht leben und schon gar nicht arbeiten), tat dieser seine Wirkung und Marc spürte allmählich seine Lebensgeister erwachen. Er erbat und bekam eine weitere Tasse (die seine Mutter mit noch ein wenig mehr Milch und Zucker streckte, schließlich wollte sie kein hyperaktives Kind), die ihn vollends weckte und fühlte sich damit kräftig genug, wieder in die Schule zu gehen.

Zwei Wochen lang trank Marc morgens regelmäßig 2 große (aus der Sicht seiner Mutter) Tassen Kaffee, die ihm halfen, über den Tag zu kommen.
Wie es aber leider mit Drogen ist (auch wenn sie legal sind), der Körper gewöhnt sich daran… und in Marc´s Fall ging es sehr schnell.
Bald genügten die zwei Tassen nicht mehr und es wurden drei, vier, fünf.
Die Milch und der Zucker wurden aus der Mischung entfernt und Marc hatte bald den selben Verbrauch wie sein Vater.
Weitere sechs Wochen später genügte es nicht mehr, den Morgen mit zwei Kannen frischen kolumbianischen Kaffees zu beginnen, die Getränke, die er mit in die Schule nahm, waren ausschließlich Energy-Drinks.
Zur selben Zeit begann Marc´s Glückssträhne.
Stand er am Getränkeautomaten und ihm fehlte Kleingeld, hatte jemand den fehlenden Betrag im Rückgabeschlitz vergessen.
Warf beim Footballtraining ein Spieler ihm einen Pass zu, den er eigentlich nicht mehr erreichen konnte, kam unerklärlicherweise ein Wind auf, der ihm den Ball genau in die Hände trieb.
Saßen Sharky und er in der Pause im Hof und bewunderten die Mädchen, die in Kalifornien glücklicherweise recht knapp bekleidet waren, wehte der selbe Wind einen Rock in die Höhe, der den Blick auf ein paar wunderbar geformte Beine versperrte.

Marc begann sich zu wundern und sprach mit dem cleversten Menschen, den er kannte: seinem Vater.
Dem kam das nicht unbedingt seltsam vor, aber da er selbst Comicleser war und natürlich wusste, daß es so etwas wie Mutanten gab, schloss er sich mit seinem Sohn an einem Wochenende im Hobbyraum im Keller ein und holte seinen Studienfreund, den Mediziner, hinzu.
Das Ergebnis verblüffte alle 3…

Im Rückblick betrachtet war eigentlich alles ganz einfach gewesen.
Marc nahm, innerlich seiner nichts ahnenden Mutter dankend, den Becher mit Kaffee, der auf seinem Nachttisch bereit stand und stürtzte ihn in einem Zug hinunter. Um dem Ganzen etwas Süße zu verleihen, spülte er mit der Hälfte einer 2-Liter-Flasche Jolt-Cola nach und spürte fast sofort, wie das Koffein seinen Organismus wachrüttelte.
Ein Blick auf den Wecker überraschte ihn nicht sonderlich: 07:37 A.M.
Er hatte, welch Wunder, verschlafen.
Nun, das sollte kein Problem darstellen.
Marc erhob sich aus dem Bett (das Koffein brauchte immer ein bißchen, bis es seine volle Wirkung entfaltete) und schlurfte in Richtung Dusche. (allerdings so wie ein frisch aufgestandener 13-jähriger, nicht wie die Moorleiche, wie die er sich noch vor zwei Minuten vorgekommen war)
20 Minuten später knöpfte er frisch geduscht den letzten Knopf seiner Jeans zu und schloss die Schnürsenkel seiner Laufschuhe.
Um 07:59 Uhr verließ er das Haus, schloss die Tür ab, sah sich kurz, aber aufmerksam um und…
stand um Punkt 08:00 Uhr in der Traube der Schüler, die den Schulbus verließen, um die High School der Andrews Air Force Base zum Unterricht zu betreten und Sharky abzupassen, der sich nach ihm umsah.
Die Normalität hatte ihn wieder.

Ein Jahr später war es mit der Normalität wieder vorbei.
Wo zuvor nur hier und da ein paar dumme Sprüche über Mutanten kamen, regnete es jetzt, aufgeheizt durch die Massenmedien und einige wirklich gute Redner wie Bolivar Trask oder sogar den Präsidenten selbst, nur noch Hasstiraden.
Die Schüler hatten heute schon wieder für Mutantendetektoren an der High School dieskutiert und wieder war es zu Gewalttätigkeiten gekommen, als der Quarterback der schuleigenen Footballmannschaft sich öffentlich zu seiner Mutantenfreundin bekannte und daraufhin von drei Mitgliedern der Offense förmlich platt gewalzt wurde.
Das ging so lange gut, bis besagte Freundin sich einmischte und mit ziemlichem Enthusiasmus daran ging, den drei Oberstuflern, die sie um anderthalb Köpfe überragten, die Knochen zu brechen.
Sie wurde dann von herbeigerufener MP mittels Schockschlagstöcken außer Gefecht gesetzt und mitgenommen.

Marc hingegen hielt sich aus allem heraus, so gut es ging und seine Möglichkeiten es ihm erlaubten. (was glücklicherweise einiges war)
Er sprach mit seinem Vater, der die denkbar einfachste Lösung fand: Marc würde einfach wieder “krank” werden. Etliche seiner Mitschüler konnten sich noch daran erinnern, wie er fast zwei Wochen durchgeschlafen hatte und in seiner Krankenakte war dies auch dokumentiert.
Die Lehrer wussten ebenfalls von seiner “Krankheit”, hauptsächlich deswegen, weil er ohne regelmäßige Koffeinzufuhr manchmal einfach mitten im Unterricht einschlief.
(zugegebenermaßen hatte er auch schon ein paar Mal erfolgreich vorgetäuscht, vor allem wenn es um Klausuren ging, für die er einfach zu faul war)

Als bekannt wurde, daß die Mutantendetektoren auf jeden Fall kommen würden, wurde Marc krank.
Ein Arzt (der Studienfreund seines Vaters) bestätigte ihm, daß der Stress, dem er an der High School ausgesetzt war, zu viel für ihn sei und seine Eltern engagierten ihm “zähneknirschend” einen Privatlehrer.
Zudem achtete sein Vater morgens darauf, daß Marc genügend koffeinhaltige Getränke im Haus hatte, schließlich durfte der Privatlehrer keinen Verdacht schöpfen. (die Untersuchungen hatten ergeben, daß Marc´s Intelligenz mit steigendem Koffeinkonsum stieg)

Das ging so lange gut, bis der Staat beschloss, alle Jugendlichen auf das X-Gen zu prüfen, da die Prüfer auch Hausbesuche bei Kranken machten.
Als der Termin vereinbart wurde, rasten Marc´s Gedanken.
An den Tagen vor dem Termin hatte er Übelkeitsanfälle.
Am Stichtag raste er wie ein Irrer im Haus herum (alledings in normaler Geschwindigkeit) und konnte keine Minute still sitzen.
Als die Prüfer (ein Mann und eine Frau, beide in schwarzen Anzügen mit Kitteln darüber) das Haus betraten, rasten seine Gedanken und als er die Eskorte der Prüfer sah, trat ihm der Schweiß auf die Stirn.

Zu seinem Glück hatten die Prüfer, ein gewisser Dr. Smith und eine Dr. Blake, seine Krankenakte und die Diagnose des Spezialisten gelesen. Sie gingen offenbar einfach davon aus, daß der Schweiß von der Erschöpfung herrührte, sich aus dem Bett bewegen zu müssen.
Sie boten ihm freundlich an, daß er sich doch wieder in sein Bett legen könne, was er dann auch mit Hilfe seines Vaters tat.
Als ihm Blut abgenommen und in das tragbare Testgerät gegeben wurde, konnte er keinen anderen Gedanken fassen als “BITTE LASS DIE PROBEN NEGATIV SEIN!!!”.
Keine Minute später gab das Prüfgerät einen angenehm klingenden Ton von sich und eine LED leuchtete rot auf.
Die letzten Worte, die Marc von Dr. Smith hörte, waren “Glückwunsch, Junge. Sieht aus, als wärst Du kein Mutant!”. Dann schloss er die Augen.

Der Morgenmuffel

New X-Men 2019 D0m