Die Last der Welt

Tiefes Donnergrollen überflutete die unheilschwangere Luft, im Raum, um das Gebäude, soweit Ayleen ihre Umgebung wahrnehmen konnte. Kein natürliches Donnern, schwer und stickig, erdrückend wie die Luft vor einem Gewitter und dem lang ersehnten Regen während eines schwülen Sommertages in Mexiko. Mit dem nächsten lauten Schlag legte sich ein Schleier über ihre Sinne. Die Erde bebte noch immer, kondensierte Luftfeuchtigkeit rann die Wände hinab und sie nahm es wahr wie schon zuvor, doch – es schien so weit weg, unerreichbar für sie.
Betäubt, wie in einem schlechten Traum, von dem man weiß, dass es ein Traum ist und doch kann man nichts dagegen tun, sah Ayleen den Raum vor sich. Das Licht war nahezu erloschen, das Zimmer wurde erhellt von einem, sie konnte es nicht besser beschreiben, von einem schwarzen Leuchten, dessen Quelle in Lunas Händen lag und ihre Aura zu durchdringen schien, bis selbst ihre Augen von einem energetischen Strahlen erhellt wurden. Ayleen drehte sich um und wollte etwas rufen, doch ihre Stimme versagte zu einem lauten Stöhnen. Sie holte tief Luft, doch blieb ihr der Name im Halse stecken. „Nimm dich zusammen, Summerbreeze“, wies sie eine innere Stimme an. Das Mädchen schloss die Augen und suchte Energie, irgendetwas an dem sie sich festhalten konnte. Sie fand sie in der Luft in ihrer Lunge und forcierte sie, bat sie, ihren Ruf zu jenem Ohr zu tragen, das sie zu erreichen wünschte. Dann visualisierte sie ihn vor sich, wie er oben, nahe des Basketballplatzes um sein Leben, für seine Schüler kämpfte. „Donny!“ Der Schrei schnellte davon wie ein abgefeuertes Geschoss und bog um die Ecke, war verschwunden. Ayleen drehte sich nach vorn und blickte vor sich auf den kalten Steinboden, auf dem sich das Lichtspiel des Amuletts widerspiegelte.

Katy hatte Luna das Auge übergeben. Es musste dafür einen Grund gegeben haben. Luna hatte sie in ihren Bann gezogen, wie schon die anderen zuvor, wie Despair, ja wie Kurt bei seiner ersten Begegnung mit ihr. Hatte Katy wirklich gerade Traps Körper hinter sich hergezogen, um Luna das Auge zu bringen? Das Auge. Ayleens Blick glitt erschrocken nach oben, ohne sich aus der Tiefe ihrer Gedanken zu erheben. Sie hatte etwas gehört, etwas, dass ihr missfallen war. Wither. Senyaka. Sie hörte sich antworten. „Woher nimmst du all dein Mistrauen? Haben wir jemals etwas getan, was nicht in Eurem Sinne war? Haben wir nicht auch Despair geheilt? Und Dargo?“ Ayleen fletschte die Zähne. Sie sah sich selbst in Gedanken vor sich und wusste, während sie sprach, dass sie nicht gefährlich wirkte. „Ich habe nie darum gebeten“, gurrte Luna mit ihrer dunklen, sirenenhaften Art. Ayleen antwortete erneut, doch hörte sie sich nicht mehr. Trap war tot. Der Hood hatte ihn erledigt. Er und Dormammu würden alle töten, die sich ihnen in den Weg stellten. Alle.

Würde es Luna gelingen, ihn zu besiegen, hieße das, sie wäre mächtiger als er. Alle würden sie verehren, die Retterin der Welt. Ayleen suchte Halt an der Wand. „Wäre das wirklich das Schlechtestes, Ayleen?“ fragte eine Stimme durch den Nebel, der sie umgab, „eine freie Erde unter der Herrschaft einer Göttin?“ Sie sah Luna auf einem gewaltigen Thron, gefertigt aus den Schädeln ihrer Feinde. Sie alle beteten sie an.The Hood, Kurt, Dom, Donny, ihre Eltern, Professor Summers, Magneto, der Präsident. Willenlos und doch vereint. Vereint in Glauben an ihre Erlöserin.

NEIN! Kurt würde es nicht ertragen. Apathisch schüttelte sie den Kopf. Nie würde sie Kurt einem fremden Willen unterwerfen und auch Laurie nicht. Lieber wäre Magneto tot, als jemandem ausser sich selbst zu dienen. Ayleens Augen schwankten panisch von einer Ecke in die andere, während sie überlegte. Sie konnte nichts tun, sie war machtlos. Gegen Dormammu. Gegen Luna. Sie konnte noch nicht einmal etwas gegen den Hood ausrichten. Trap war tot. Ein schwarzer Moment der völligen Stille war über ihre Gedankenwelt herein gebrochen, als in der Wirklichkeit ein ihr bekanntes Gesicht erschien. Ein Gesicht, für dass es sich zu sterben gelohnt hätte, so dankbar war sie, es zu sehen. „Darf ich vorstellen“, hörte sie jemanden sagen,“ Luna, die neue Sorceress supreme.“ Es war ihre eigene Stimme, doch war sie sich nicht sicher, ob sie dir Worte gesprochen hatte. Die Stille des Moments breitete sich in ihrem Kopf aus, schien ihren Verstand zu verschlucken, denn ihr dämmerte etwas. Eine Tatsache, die wie ein Schnellzug auf sie zugerast kam und sie schlichtweg überfuhr. Sie konnte an dieser Realität, an dieser Gegenwart rein gar nichts ändern. Sie würde die Zukunft nicht verändern können, nicht so. Nicht mit ihren Kräften und nicht mit Hilfe ihrer Freunde. Es musste größer sein. Ein Opfer, das ihr schwer fallen würde, dass noch nicht einmal sicher funktionieren würde. Aber es musste. So konnte die Welt nicht bleiben, so durfte sie nicht bleiben. Sie musste zurück, zurück und ändern, was sie getan hatte. Einen Moment dachte sie an Billy. Dann dachte sie, was sie Billy antun würde, wenn es schief gehen würde. Er war zu schwach. Sie musste in das Herz ihrer Feinde eindringen. Sie musste die Scarlet witch überzeugen, ihr zu helfen. Wenn es bei ihr schief gehen würde? Ayleen lächelte bitter und antwortete in der Ferne Wither, doch wusste sie nicht im Geringsten, was er oder sie selbst gesprochen hatten. Es war auch unwichtig. Was könnte schlimmer sein als diese Realität?

Ayleen lächelte. Sie würde ihr alles erzählen. Dann würde sie sie bitten, sie vor dem Ritual abzusetzen, auf dass es niemals stattfinden würde. Einen Moment kam ihr dieser alte Film in den Sinn, der Butterfly effect. Es durfte nicht schlimmer werden.
Ayleen drehte sich auf dem Absatz und begann zu laufen. Sie wusste, worum sie die Scarlet witch bitten müsste. Es würde Sinn machen, für die gesamte Menschheit, denn Dormammu würde nicht beschworen. Für die Bruderschaft, denn sie hätten einen Feind weniger, ihnen die Pläne zu durchkreuzen. Und für sie selbst, denn sie würde niemals ihre Eltern verlieren, niemals Freunde sterben sehen. Alles, was dafür nötig wäre, wäre ein kleiner Schubs in die falsche Richtung, sodass Donny sie in dem Kaufhaus nicht finden würde. Sie war unsichtbar, es war ein Glück, dass er es überhaupt getan hatte. Ein Glück dass sie bis jetzt immer für Schicksal gehalten hatte, das nun auch einen anderen Sinn ergeben konnte. Sie brauchte warme Kleidung auf dem Weg Zu Asteroid M. Sie brauchte vielleicht auch eine Waffe und…

„Ayleen, warte!“ Die Stimme ließ ihr unweigerlich einen Schauer über den Rücken fahren und zwang sie zum Stillstand. Wieder huschten ihre Augen über den Boden, fieberhaft auf der Suche nach einer passenden Erklärung für ihr Vorhaben. Er durfte sie nicht aufhalten. Dann trat er vor sie. „Donny, so wie es ist, darf es nicht sein. Ich kann nicht zulassen, dass das passiert“, hörte sie sich sagen, flehend, hoffend, dass er sich damit zufrieden geben würde. Sie sah seine aufgeregte Gestik, sah wie seine Haare ihm in die Stirn fielen, seinen angespannten Körper, die blutig verkrusteten Schrammen an seiner Hand.“Du vertraust ihr also genauso wenig.“ Sie war also nicht allein mit dem Gedanken. „Ich weiß nicht, ob du den Film Butterfly effect kennst“, drangen seine Worte an ihr Ohr und entlockten ihren Lippen ein Lächeln. Sie waren in manchen Dingen so verschieden und hatten doch so viel gemein. „Du warst immer bemüht das richtige zu tun. Und ich bin so stolz auf dich….“ Sie Worte trafen ihr Herz wie ein Dolchstoß und raubten ihr physisch die Luft zum Atmen. Er wusste es noch nicht. Hannibal King hatte nichts gesagt. Erneut rang Ayleen nach Luft, erfolglos. Sie hatte ihn… sie musste ihm die Wahrheit sagen, das war sie ihm schuldig. falls ihr Plan erfolglos war und sie nicht zurückkehrte. War sie erfolgreich, spielte es keine Rolle.

„Donny, ich war es, ich habe Dormammu in diese Welt gelassen!“ Sie sah seine Augen, wie sie sich vor Entsetzen weiteten, spürte die Luft, die er in seine Lungen sog und den Hauch seiner Bewegung, als es die Arme über dem Kopf faltete. Dann sank sie zurück in ihre Ohnmacht. „Seltsam“, dachte sie bei sich und erklärte sich ihren Zustand als Reaktion ihres Geistes, die Ereignisse, mit denen sie sich gerade befassen musste, weit von sich zu halten. Denn im Grunde war sie siebzehn, ein schüchternes kleines Mädchen, dass sich das Schicksal und die Last der Welt aufgeschnallt hatte und nun daran zu zerbrechen drohte. Ihr Blick schweifte immer weiter ins Leere, bis sie eine warme Hand unter ihrem Kinn spürte. Donny hob sacht ihr Gesicht in die Höhe und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. „Denn egal, was du vorhast, es würde etwas in meinem Leben fehlen, wenn Du nicht mehr da wärst oder es dich nicht gegeben hätte.“ Sein Blick ließ sie aus ihrer Trance erwachen, zurück in das Hier und jetzt und Ayleen spürte sie in sich aufkeimen und die Oberfläche durchbrechen wie nie zuvor: die Hoffnung.
Es bestand eine geringe Chance, dass Donny das gleiche fühlte wie sie. Und war das nicht eine Welt, die es sich zu retten lohnte? Könnten sie es schaffen, Dormammu und Luna zu besiegen. Der Raum zwischen ihren Lippen betrug Millimeter und sie spürte die Luft darin sich durch ihre beiden Körper erwärmen. Sie sollte es ihm jetzt sagen, jetzt war die Zeit für die Wahrheit.

Sie ließ sich von den Zehenspitzen auf die Fußballen zurückfallen und seufzte. Sie war bereit sich sämtlichen Monstern dieser und anderer Welten entgegenzustellen, doch bei dem Gedanken an drei einfache Worte versagten ihre Knie. „Das bin ich dir wohl schuldig.“ Und sie würde es ihm wohl vorerst auch bleiben.

Die Last der Welt

New X-Men 2019 Leeana