Fieber

Es begann mit einem leichten Fieber, Ayleen wurde schrecklich heiß. Zuerst nur, als säße sie in der Sonne und wäre viel zu dick angezogen für diese Jahreszeit. Die Wärme breitete sich über ihren kompletten Körper aus und sie begann unangenehm zu schwitzen. Als sie ihr Oberteil auszog, fror sie plötzlich also zog sie es wieder an und krempelte die Ärmel ein wenig nach oben. Einige Minuten später wiederholte sie das ganze, denn sie dachte, es sei doch zu warm, um angezogen zu bleiben, bis sie zitterte und sich auf ihrer Pritsche unter die dünne Decke mümmelte, die unangenehm muffig und alt roch. Von diesem Geruch und der Wärme bekam sie Durst. Durst, der immer unerträglicher wurde, bis sie sich überwand aus dem schmutzigen Wasserhahn an der Wand zu trinken. Über ein Waschbecken verfügte ihre Zelle nicht, deshalb lief das überflüssige Wasser an ihrem Kinn und über ihre Kleider auf den kalten Steinboden. Tropf, tropf, tropf, tropf, tropf. Das kalte Nass jedoch rann ihren Hals hinab ohne eine Wirkung zu zeigen. Sie trank und trank und doch brannte ihr Hals unablässig, schlimmer als bei einer Grippe, schlimmer als nach Stunden ohne Flüssigkeit in der Wüste.

Als das Wasser ihr Oberteil durchnässt hatte, krabbelte Ayleen zurück unter ihre Decke, denn sie fror mehr als zuvor. Erneut den muffigen Geruch des Bettes kaum ertragend, wand sie den Kopf zuerst nach oben, doch dann fror sie wieder, sie versuchte es links, rechts, wieder ein wenig höher. Das unablässige Tropfen des Hahns auf den Fußboden donnerte wie ein Presslufthammer gegen ihren Hinterkopf, also erstarrte sie in ihrer Bewegung, hielt sich selbst ganz still. Bumm, bumm, bumm. Plötzlich begann Kurt in der Nachbarzelle wie unter Krämpfen zu schreien und es begann ihr langsam zu dämmern, was Ayleen noch bevorstand.
Zitternd zog sie ihre zu engen Schuhe aus. Alles an ihrem Körper kam ihr zu eng vor. Ihre Haut begann zu jucken, als wollten ihre Muskeln aus ihr herauskriechen. Und wieder dieses Schlagen des verdammten Wasserhahns. Dumm, dumm, dumm, dumm. Sie versuchte sich zu konzentrieren, und doch wollte sie lieber schlafen. Kurts Schreie hallten in ihrem schmerzenden Körper nach als wären es ihre eigenen. Ein Teil von ihr hielt sich die Ohren zu, wollte, dass er aufhörte. Ein anderer Teil von ihr, eine immer schwächer werdende Stimme flüsterte, sie solle sich an diesen Schreien festhalten, sich an sie klammern. Sie seien die Realität, die sie nicht verlassen durfte. Ayleen wollte glauben, dass es eine Lüge war. Kurt würde nie so schreien, er war stark. Stärker als sie. Er war ihr Superman. Dann glaubte sie zu hören, wie sich sein Körper zusammenzog und er unter einem Krampf die Luft anhielt. Das zischende Geräusch, dass er von sich gab, drang wie ein stechender Schmerz in ihren Unterarm.

Als Ayleen versuchte, ihren Blick darauf zu richten, fiel ihr auf, wie schwer diese simple Bewegung ihr fiel. Die Augen nach unten gerichtet, brauchte sie einige Momente, um zu realisieren, dass die zähe von ihr tropfende Flüssigkeit ihr Blut war, dass von ihren Armen rann. Da also fand die schreiende Stimme den Weg in ihr Inneres, pulsierte weiter bis zu ihrem Herzen und strömte durch ihren Körper, dummdumm, dummdumm, dummdumm. Langsam schloss sie die Augen. Ihr wurde schwindelig, deshalb öffnete sie sie wieder. Ayleen wusste nicht, wie lange sie auf ihren Arm gestarrt hatte, bis sie verstand, dass sie gerade im Begriff war, sich die Haut von den Gliedmaßen zu kratzen, um ihren Muskeln Platz zu verschaffen. Ein Instinkt zwang sie dazu den Kopf zu schütteln, um wieder klar zu werden. Doch ihr wurde dabei augenblicklich wieder schlecht und kraftlos ließ sie sich auf ihrem Bett zusammensinken. Von hier aus sah die Welt wieder anders aus. Das Wasser floss in einem winzigen Rinnsaal diagonal zur Decke. Oder war das der Boden? Oben – oder vielleicht auch unten – kam es tropfenweise an. Tropf – tropf – tropf. Floß Wasser eigentlich immer in Zeitlupe? Ayleen fasste sich an den Kopf. Wasser tropfte ihr auf die Nase. Rotes Wasser. Tropf, tropf, tropf. Sie hatte diesen Durst. Das rote Wasser floß in ihren Mund, doch es stillte ihre Begierde nicht. Sie streckte die Hand nach dem anderen Wasser aus. Doch erst passierte nichts. Ayleen wollte das Wasser. Es sollte zu ihr kommen.

Dann, sie wusste nicht warum, änderte es die Richtung, kam auf sie zu. Erst tröpfchenweise, ein nasser Punkt auf ihrem Gesicht und er fühlte sich anders an auf ihrem Gesicht, stechender, nein kälter als der rote Punkt. Dann noch einer und noch einer. Dann riss das Tropfen kaum noch ab – tropftropftropftropf. Ayleen wurde es zu viel und sie versuchte, sich wegzudrehen, doch das Wasser folgte ihr, ließ sie nicht in Ruhe. Sie erschrak vor ihrem eigenen Grunzlaut und war für einen Moment fast wieder anwesend. Das war Kurt, der da schrie, oder? Und andere Stimmen, die sich stritten. John? Trap? Dargo? Oder stritten sie gar nicht? Riefen sie etwas? Meinten sie etwa sie? Das Wasser lief Ayleen in die Nase, sie musste husten, verschluckte sich. Unter den Hustenkrämpfen spürte sie, wie jeder bewegte Muskel anfing zu schmerzen, doch sie konnte nicht aufhören, sich zu bewegen. Als der Krampf nachließ, zitterte sie. Sie musste das Wasser loswerden. Unter großer Anstrengung setzte sie sich auf und erlangte ein wenig Genugtuung damit. Sie sah das klare Wasser sich wieder von ihrer Heimstatt wegbewegen und auf dem Boden ankommen. Gleichzeitig sah sie die andere Flüssigkeit, ihr Blut, sich den Weg nach unten bahnen. Neugierig sich weiter an den Beinen kratzend, beugte sie sich nach vorne, um zu sehen, was damit geschah. Die Flüssigkeiten liefen aufeinander zu und bilden lustige, schöne, sich ineinander schlingende Muster auf dem grauen Hintergrund. Erst ineinander, dann miteinander. Dann übereinander, sich den Weg nach oben suchend. Ayleen empfand es nicht als unangenehm, dem Schauspiel auf Augenhöhe zusehen zu können, als die beiden Farben immer neue Kaleidoskop ähnliche Figuren annahmen.

Erst waren die Figuren unscharf, dann wurden sie zu banalen Dingen, ein Ball, ein Schirm, ein Messer, ein Glas – wieder bekam sie diesen stechenden Durst, doch sie traute nicht, sich zu bewegen. Dann wurden die Konturen schärfer und sie sah einen blonden Jungen vor sich, schreiend auf dem Boden liegen, sie sah einen ihr gänzlich Fremden im Schneidersitz, sah ein großes Gesicht mit gelben Augen höhnisch lachen. Das Gelächter schwoll an, wurde unerträglich in ihren Ohren, bis es platzte und sich in tausend kleine Nadeln verwandelte, die sich in ihre Haut, in ihre Augen und Ohren bohrten und sie ganz in Schmerzen einhüllte, bis sie an nichts anderes mehr denken konnte. Der Schmerz wurde nur ab und an unterbrochen und irgendwann, in einem kurzen Moment der Klarheit wurde Ayleen bewusst, dass es Schreie waren, die sie aus ihrer Lethargie zogen, Schmerzensschreie, ihre eigenen. Sie wünschte sich nur noch, das es aufhörte, dass sie starb, ihren Körper verließ, bis sie nach einer langen Unendlichkeit sich auf dem kalten Betonboden windend, endlich einschlief.

Fieber

New X-Men 2019 Leeana