Grabwache

Lautlos wehte der warme Nachtwind um Ayleens Haare, schien sie trösten zu wollen. Und doch vermochte er nicht ihre bleiernen Schritte zu erleichtern, die sie auf ihrem Weg über das Institutgelände begleiteten.
Heute Mittag erst hatten sie einen leeren Sarg zu Grabe getragen, hatte sie weinend die Abschiedsworte gesprochen, als sie ihn in dem schattigen Tal in das tiefe Loch betteten, neben den anderen, teilweise schon belegten Grabstätten unter dem großen, uralten Baum in der Nähe des Meeres. Nachdem sie eine Stunde vor dem Erdloch gesessen und ihren Tränen freien Lauf gelassen hatte, war fast keine Energie mehr in ihr gewesen, sich in ihr Zimmer zurück zu ziehen. Doch jetzt, da sie hätte ruhen sollen, war an Schlaf nicht mehr zu denken.
Immer und immer wieder gingen ihr die Bilder von der Golden Gate Bridge durch den Kopf, die vielen tausend Menschen, die ins Meer fielen, zerquetscht wurden, von herunterfallenden Autos zermalmt wurden. Die Menschen, die in der darauffolgenden Massenpanik stürzten und einfach überrannt wurden. Und sie sah John, seinen fest entschlossenen, trotzigen Blick fest auf Magneto gerichtet und dann… Sie versuchte es zu verdrängen und doch lief es wie in einem Film vor ihr ab, ihr Puls beschleunigte sich, ihr Herz raste, ihr Kopf drohte zu explodieren. Die eiskalte Miene von Magneto und John, wie er sich auflöste, wie er sich einfach auflöste. Nicht, als würde Trap ihn teleportieren, als würde er weggebeamt, er löste sich einfach auf, in Sekundenbruchteilen.

Was hätte sie tun sollen? Was hätte sie tun müssen? Hätte Magneto etwas nach ihm geworfen, hätte er einen Strahl irgendwelcher Kräfte ausgesandt, sie hätte es abgeleitet, sie hätte sich davor geworfen, aber was zum Teufel hätte sie in dieser Situation machen können außer der Szene fassungslos zu zusehen?
Also hatte Ayleen beschlossen, aufzustehen, zu wachen, aufzupassen, dass niemand die Ruhe der Toten störte. Doch, was wollte sie beschützen? Ging es ihr auf dem Weg zu ihrem Ruheforst durch den Kopf? Welchen Freund hatten sie aus diesem Krieg geborgen? Wen hatten sie zurück gebracht, um ihm eine letzte Ehre zu erweisen? Sie schüttelte den Kopf und wischte die Tränen von ihrem Gesicht, die nahezu unsichtbar über ihre durchsichtige Haut liefen. Es war ein nahezu sinnloses Unterfangen.
Die anderen, Kurt, hatte seinen besten Freund zurücklassen müssen. Hätte er anders gehandelt, stünde ein Name mehr auf den bronzenen Tafeln an dem alten Baum. Ayleen und die anderen hatten tagelang nichts anderes getan, als den Ort des Geschehens nach Körperteilen, Kleidung, anderen Spuren von John abzusuchen. Sie drehten jeden Stein um, entwarfen DNA-Suchgeräte, Ayleen bestand darauf den nahe gelgenen Meeresgrund abzusuchen, für den Fall, dass sie etwas übersehen hatten. Sie kämpfte verbittert, weitersuchen zu dürfen, bis Donny selbst kam und sie nach Hause brachte, sie zwang, etwas zu essen zu sich zu nehmen und zu schlafen. Katie war von einer solchen Trauer erfüllt gewesen, dass sie tagelang nicht redete, nur weinte. Aus diesem Grund hatte Ayleen nach Worten gerungen, die John bei einer Abschiedsfeier gerecht wurden.

„Aber ich hab’s mal wieder versaut, was?“ murmelte sie leise, als sie bemerkte, dass sie seit geraumer Zeit vor der frisch umgegrabenen Erde stand, über der auf einer im Mondlicht schimmernden Tafel sein Name prangte. Zwischen ihr und John waren nie große Worte gefallen, freundschaftliche Umarmungen oder sonstige Zuneigungen. Ayleen lehnte sich gegen den Baum unter Johns Namen. Und doch hatte sie immer gewusst, dass sie für einander alles getan hätten, dass er wusste, wie sehr sie ihn mochte, bewunderte, für seine Geradlinigkeit und Stärke. Sein Jähzorn war ihr immer etwas gruselig gewesen, doch glaubte sie, den Quell des Gedankens verstehen zu können.

„Na, da kann wohl noch jemand nicht schlafen!“ murmelte eine ihr wohlbekannte Stimme von der anderen Seite des Baumes. Ayleen brauchte nicht aufzusehen, sie wusste, dass Kurt auf der anderen Seite des Baumes lehnte und nicht nur sprichwörtlich Löcher in den Boden starrte. Es roch nach verbrannter Erde. Er hatte Dampf abgelassen. „Bin wohl nicht die einizige“, gab sie schulterzuckend zurück. „Weisst du, was das schlimmste ist?“ fragte er nachj einer Weile, die sie schweigend verbracht hatten und ohne eine Antwort abzuwarten sprach er weiter: „dass er es war und nicht ich. Ich habe sie angeführt, sie haben mir vertraut. Der Captain muss untergehen, nicht die Crew.“ Ayleen schüttelte den Kopf. „Du bist echt bescheuert Kurt. Mondo wusste wie du auch, worauf er sich einlässt. Du hast etwas, wofür es sich lohnt zu überleben, du hast Ruby, du hast ein Leben und ein Ziel vor Augen.“ Sie stockte kurz, als ihr die Gedanken und Bilder wieder in den Kopf schossen, die sich wie ein Teufelskreis in ihr drehten. „So wie John. Er hatte Katie. Er war für Größeres bestimmt und hätte ich nur die Möglichkeit. Ich würde jederzeit mit ihm tauschen. Und mein Leben hätte endlich einen Sinn gehabt.“

„Wenn ihr beide nicht sofort aufhört, dummes Zeug von Euch zu geben, werde ich dafür sorgen, dass ihr Euch die nächsten paar Tage für Schafe haltet, die nichts anderes tun werden, als das Gras von der Lichtung dort drüben zu fressen. Und jetzt ruhe bitte! Ich muss mich konzentrieren“, tönte es aus den unteren Ästen des Baumes. Als Ayleen nach oben blickte, sah sie Trap in einer dicken Astgabelung sitzen. Er war barfuß und ließ ein Bein herabbaumeln, während er sich mit dem anderen abstützte. Die Hände hatte er beide an den dicken Stamm gelegt. Kurt und Ayleen taten, wie ihnen geheißen und wenig später sah Ayleen das kleine Wunder, das Trap vollbrachte.
Ein dünner Zweig schlängelte sich als Seitentrieb aus dem Stamm und wurde alsbald immer dicker. An seinem Ende wuchs ein Stumpf, so dick wie ein Apfel. Lautlos krabbelte Ayleen näher heran, um besser sehen zu können und aus dem Stumpf erschien ihr das friedlich schlafende Antlitz von John Oxford. Langsam wiegte sie das Gesicht im Wind, ohne es jedoch zu berühren.
Da begann sie erneut zu weinen und ließ ihren Tränen freien Lauf, bis sie irgendwann kraftlos vor dem Grab ihres einst großen Bruders einschlief.

Grabwache

New X-Men 2019 Leeana