Laternenbilder

Home sweet home

„Tu mir einen Gefallen“, Ayleen wog den weißen Umschlag unsicher in der Hand, “bitte, übergib ihn nicht persönlich, wirf ihn einfach nur ein.“ Sie holte tief Luft und sah Donny fest in die Augen. Er zwinkerte ihr aufmunternd zu, legte die Hand auf ihre Schulter und grinste: „Du tust gerade so, als würde ich in Feindesland vordringen.“ Seine Berührung ließ ihr einen wohligen Schauer über den Rücken laufen. „Dabei sind es doch nur deine Eltern.“ Nur ihre Eltern. Sie seufzte, als er sie losließ. Er hatte ja keine Ahnung, wer ihre Eltern waren. Ein weiterer Blick in seine schokoladenbraunen Augen ließ sie fast vergessen. „Ich bin bald zurück“, sagte er, drehte sich um und verschwand aus der Tür.

Elf Monate hatte sie ihre Eltern nicht gesehen. Ayleen wusste, sie hatten eine Vermisstenanzeige aufgegeben, nach der Sache in der Mall. Eine Vermisstenanzeige, die sehr schnell aus den Suchen herausgenommen wurde und durch Fahndungen nach terroristischen Teenagern ersetzt wurde. Ihre Eltern waren immer gegen Mutanten gewesen, sie hatten keinen Grund dazu, hatten sie noch nicht einmal gehasst, für sie war es einfach falsch, unnatürlich, mit Mutanten zusammen zu leben. Nach dem, was Ayleen bis jetzt gesehen hatte, war sie der Auffassung, dass dahinter eine einfache Angst lag, die Angst vor dem Neuen, die Angst zu versagen, verdrängt zu werden von Menschen, die besser waren.

Ayleen lehnte sich aus dem Hotelfenster, ihre Haare strichen ihr sanft um die Schultern. Sie hatte sie in ihrem Naturton gefärbt, damit sie sie für die Welt nicht täglich überschminken musste. Sie sah Donny das Hotel verlassen und sie fühlte Schmetterlings in ihrem Bauch. Er machte ihr manches leichter im Leben, ebenso wie die anderen, wie John, Dom, Carmelita, Dargo und Trap, oder auch Despair. Wieder schweiften ihre Gedanken ab. Professor Summers hatte es ihnen zur Aufgabe gemacht, sich mit ihren Familien zu beschäftigen, sie aufzusuchen. Doch davor hatte sie sich zu sehr gefürchtet. Deshalb hatte sie diesen Brief geschrieben. Was würden sie sagen, wenn ihre verstorben geglaubte Tochter sich meldete? Würden sie sich freuen? Versuchen, Kontakt mit ihr aufzunehmen? Würden sie sie suchen? Ihr ihr altes Zimmer anbieten? Ayleen wusste es nicht. Die ganze Zeit, die sie von Dallas nach Washington im Auto verbracht hatte, hatte sie überlegt, wie sie den Brief beginnen würde, wie ihre Eltern es aufnehmen würden. Jetzt verspürte sie nur schreckliches Heimweh. Heimweh nach den Armen ihrer Mutter, ihrem kleinen Bruder Thommy, nach dem Duft des frisch gebackenen Haselnußkuchen, den ihre Mutter jeden Samstag für die Kirche backte.

Die Kirche jedoch hatte einen bitteren Beigeschmack. Die CAM, church against mutants. Als kleines Mädchen war sie desöfteren mit zum Gottesdienst gegangen. Im Anschluß fanden für gewöhnlich die Kaffeetrinken statt, bei denen die Themen der Predigten vertieft wurden. Als Ayleen begonnen hatte selbst zu denken, war sie zuerst den Nachtreffen fern geblieben, dann auch den Gottesdiensten. Ihre Mutter hatte es nicht weiter gestört, hielt es für eine Selbstfindungsphase ihrer großen Tochter und war sowieso mit der Organisation und dem kleinen Sohn beschäftigt gewesen. Ob sie wohl noch immer Teil dieser Gemeinde war, deren Lehren es war, dass die Mutanten eine Bedrohung für das Volk Gottes waren? Was, wenn ihre Eltern Donny sehen würden, ihn in ein Gespräch verwickeln würden? Wie würden sie reagieren? Ayleens Herz schlug schneller. Nein, Donnie war klug genug, nichts zu erwähnen. Noch einige Minuten stand sie am Fenster, malte sich aus, wie es wohl gewesen wäre, ihren Eltern Donny vorzustellen, dann hielt sie es nicht mehr länger aus.

In Windeseile zog sie ihre Turnschuhe an, schwang sich ihre Tasche um den Hals und lief los. Vom Hotel aus war es nicht weit bis zu ihrem alten Wohnpark, eine halbe Stunde vielleicht. Donny dürfte das Auto genommen haben, Ayleen wählte den Weg zu Fuß. So konnte sie die Abkürzung durch den Park nehmen, um sich dort im Schatten der Bäume unsichtbar für den Rest der Welt zu machen. Sie wollte nicht von den Nachbarn erkannt werden, das Risiko, als einer der Mall-Mutanten entdeckt zu werden, war einfach zu groß.
Vorsichtig schlich Ayleen durch die Straßen. Sie wusste, dass niemand sie sehen konnte und doch wurde sie dieses eigenartige Gefühl nicht los, das ihr die Nackenhaare hochstellte. Als sie in die Straße einbog, in der ihr Elternhaus stand, atmete sie leise auf. Weder Donny, noch sein Wagen waren irgendwo zu sehen, ebenso wenig wie ein Streifenwagen oder ähnliches. Die Siedlung war fast klischeehaft ruhig. Ein weißes Haus mit grünem Vorgarten reihte sich an das Nächste, umgeben von bunten, halbhohen Zäunen. In den Auffahrten standen Familienwägen, Vans, Limousinen, so auch vor ihrem. Die Vögel zwitscherten in den Bäumen der Gärten, eine Katze schlich über die Straße und suchte Schutz unter dem blauen Pickup, der zwei Häuser neben ihrem stand.

Ayleen war sich nicht bewusst, dass sie zwar einen Fuß vor den anderen setzte, jedoch längst keine Berührung mehr mit dem Asphalt der Straße hatte. Sie schwebte unsichtbar bis zum Zaun des so vertrauten Grundstücks und legte behutsam die Fingerspitzen auf die Zaunpfähle. Es war still um das Haus. Kein Laut drang nach außen, keine Bewegung war auszumachen. Einige Zeit stand sie dort, still, beobachtend, sah auf das weiße Haus mit den blauen Fensterrähmen und das grüne Gras, bis ihr der rote Briefkasten ins Auge fiel. Es waren nur einige Schritte und sie war bei ihm. Ängstlich, als könne sie jemand sehen, schaute sich Ayleen um, doch es war weit und breit niemand zu sehen, auch die Fenster der anderen Häuser schienen verlassen. Behutsam, um ihn nicht zu zerreißen, tastete Ayleen nach der Luft und blies eine starke Böe die Straße entlang. Sträucher bogen sich, Gartenzäune klapperten und Briefkästen gingen unruhig auf und zu – bis auf einer. Hätte es in diesem Augenblick einen interessierten Aufpasser gegeben, so wäre ihm aufgefallen, dass der Briefkastendeckel der Familie Thompson sich unnatürlich lang im Wind verfangen hätte. Ayleen reichte allerdings ein kurzer Blick, um sich zu vergewissern, dass er leer war. Nervös schaute sie sich um. Donny musste bereits hier gewesen sein, das hieße, der Brief befand sich bereits in ihrem Besitz, ihre Eltern mussten zu Hause sein. Wie ein Stichwort hörte sie ein Quietschen aus dem hinteren Bereich des Gartens, dann sah sie Thommy über die Wiese rennen, der dabei war, sein Kaninchen, das einen neuen Ausbruchsversuch gestartet hatte, wieder einzufangen. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Für einen Moment hielt sie inne, dann nahm sie ihren Mut zusammen und betrat das Grundstück, das einmal ihr zu Hause gewesen war.

Der Weg zum Haus, waren es auch nur ein paar Meter, kam ihr sehr lang vor. Wie eine Diebin schlich sie am Haus entlang von Fenster zu Fenster. Doch weder im Wohnzimmer, noch im Flur waren ihre Eltern zu sehen. Ein unauffälliges Eindringen durch die Vordertür war dank der Fliegentür nicht möglich, doch sah Ayleen auf der Rückseite die Küchentür zum Garten offen stehen. Thommy spielte im hinteren Teil des Gartens und war weit genug von ihr entfernt, um zufällig gegen sie zu stoßen. Zugern wäre sie zu ihm gelaufen, hätte ihn umarmt und ihm von den coolen Geschichten erzählt, die sie im letzten Jahr erlebt hatte. Er liebte Science-Fiction. Als sie durch das Küchenfenster sah, erschrak Ayleen. Drinnen standen ihre Eltern, Samantha und William, zum Greifen nahe. Sie steckten ihre Köpfe zusammen, Ayleen ahnte, warum. Ihr Vater hielt ein paar Seiten Papier in der Hand, sie erkannte ihre Handschrift. Ihre Mutter hatte sich zur Seite gedreht und angefangen zu weinen, ihr Vater hielt sie fest umarmt. „Sie lebt, sie lebt“, wimmerte ihre Mutter. „Ich weiß“, seufzte ihr Mann. Eine Weile standen sie nur da und umarmten sich. Ayleen war elend zumute. Sie wollte sich zu erkennen geben, wollte wie ein kleines Mädchen hinlaufen und rufen“ Hey Mom, Dad, ich bin zu Hause“ und doch fehlte ihr der Mut dazu. Sie schienen sie zu vermissen, ihre Mutter war froh, dass sie das Massaker in der Mall überlebt hatte. Welchen Grund gab es also, sich zurückzuhalten? Donny hatte Recht gehabt, sie war ihre Tochter und Blut war dicker als Wasser. Ayleen machte die letzten paar Schritte zur Tür und blieb darin stehen. Wie sollte sie reagieren? Sich materialisieren und sagen: „Fürchtet Euch nicht?“ Die Haustür benutzen kam ihr klug vor. So hatten ihre Eltern Gelegenheit, sich zu festigen. Oder Thommy, er konnte sie in den Garten locken ohne, dass die Nachbarn sie sahen.

„Wir müssen sofort die Polizei benachrichtigen“, sagte Samantha plötzlich laut und mit fester Stimme, „es ist keine Briefmarke auf dem Umschlag, also hält sich diese Bande von Terroristen hier in der Stadt auf, ist vielleicht sogar noch nicht weit gekommen.“ William sah seine Frau einen Moment lang entsetzt an. Ayleen schaute von einem Gesicht in das andere. „Du hast Recht, Sam. Ich werde auch gleich Pater Lucas anrufen, vielleicht kann er ja helfen.“ Ayleen schüttelte unverständlich den Kopf. Polizei? Die CAM? Das konnte nicht ihr Ernst sein. Ihre eigenen Eltern wollten sie verraten? Auf einmal blickte Sam auf und sah Ayleen direkt in die Augen. „Vielleicht ist sie ja noch hier. In der Huntershow hatten sie damals von einem unsichtbaren Mutanten gesprochen, der durch Wände gehen und schauen kann. – Oh Gott, hoffentlich ist sie nicht die Unsichtbare.“ Samanthas Augen streiften unruhig durch die Küche, dann wieder zurück zu Ayleen. Dann flüsterte sie: „Vielleicht beobachten sie uns gerade.“ Ayleen hatte das Gefühl, ihre Eltern hörten ihr Herz schlagen, so laut pochte es gegen ihre Brust. Sie traute sich nicht zu atmen, doch gleichzeitig spürte sie die Tränen in sich aufsteigen und wusste, wenn sie jetzt nicht ginge, würde sie die Kontrolle über sich verlieren. Ihre Mutter machte ein paar Schritte auf sie zu und Ayleen schlich rückwärts zurück in den Garten, um jeglichen Kontakt zu vermeiden.

Sie hatte ihren Bruder über das Gras nicht kommen hören. „Mum, was ist de..“, setzte er an, ehe Ayleen über ihn stolperte und ihn mit sich umriss. „Au!“ schrie er und hielt sich die Nase, gegen die seine Schwester halb schwebend getreten hatte. Ayleen fiel über ihren Bruder, die Treppe der Veranda herunter und rollte sich lautlos im Gras ab. Am liebsten hätte sie geschrien, so unerträglich war die Anspannung in ihr. Stattdessen duckte sie sich im Schweben hinter dem Haselnussstrauch, der neben der Verandatreppe im Garten stand. „Ayleen?“ Ihre Mutter drückte ihren Bruder beschützend an sich. Als hätte Ayleen ihm irgendetwas zu leide tun können. „Ayleen! Wir wissen, dass du da bist.“ Ihr Vater ging an ihr vorbei, die Hände bedrohlich zu Fäusten geballt. „Komm raus, Schatz, lass uns darüber reden!“ Seine Stimme passte nicht zu seiner Körperhaltung. Ayleen erinnerte sich daran, was ihr Vater einmal gesagt hatte. Einsperren sollte man sie, das Dreckspack, allesamt, bis es eine Heilung gab, egal ob es dein Nachbar ist, dein Cousin oder dein bester Freund. Würde er vor seiner eigenen Tochter halt machen? „Sam, ruf die Polizei!“ knurrte er seiner Frau zu und sprach weiter in einem ruhigen, bedrohlichen Ton: „Ayleen, du bist zu Hause. Wir werden Dir nichts tun!“ „Pater Lucas sagt, es gibt Heilung für welche wie Euch!“ fügte ihre Mutter hinzu, bevor sie langsam rückwärts ins Haus zurückschlich. Thommy blutete aus der Nase. Der Anblick bereitete Ayleen selbst körperliche Schmerzen. „Ich liebe Euch!“ rief sie laut, bevor sie sich vom Boden abstieß und die Luft wahrnahm, die sie wie ein seidenes Tuch trug. Ihr Vater drehte sich zu dem Haselnussstrauch herum. „Ayleen?“ hörte sie ihren Bruder ungläubig rufen. „Ayleen, ich hab Dich lieb!“
Wortlos liefen ihr die Tränen über das Gesicht, als sie davonflog. Sie fühlte sich schrecklich allein auf der Welt.


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