Leid

Ayleen hörte die Stimmen, die von draußen in den LKW drangen. Angst und Wut machten sich in ihr breit und nahmen ihr gesamtes Denken ein. Wut, dass sie nichts an dieser Situation ändern konnte, dass sie verloren hatte, dass ihre Mitschüler dachten, wie sie es taten, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Angst, das falsche zu tun, dass Molly in einigen Augenblicken einen Schock fürs Leben bekommen könnte, dass sie selbst die Bilder, die sie gerade gesehen hatte, die Schreie und das Flehen Voids nie wieder vergessen könnte. Sie hatten darüber abgestimmt, über Leben und Tod eines Menschen, abgestimmt – und sich für den Tod entschieden. Dass Ayleen gegen die Entscheidung gewesen war, stimmte sie keineswegs erleichterter. Ihr kamen Zweifel an dem Recht der Demokratie, wenn das Thema, über das gerichtet werden soll, grundlegend falsch war. Das war Selbstjustiz und diese war Unrecht.
Ebenso tief enttäuscht wie von ihren Mitschülern war sie von Benedict. Sie hatte ihn für klug gehalten, für nett und einfühlsam. Sie hatte sogar gehofft, dass er und Paul Gambit mit in das neue Institut begleiten und bei ihnen bleiben würde, jetzt, da die Gilden praktisch nicht mehr existierten. Stattdessen war er einem menschenunwürdigen alten Brauch gefolgt und hatte Blutrache geschworen. Er war doch in ihrem Alter, doch schien er die Kaltblütigkeit zu besitzen, die Wünsche seines Vaters ausführen zu können.

Despair klammerte sich fest an sie und auch Ayleen spürte, ohne empathische Fähigkeiten, dass Void um sein Leben rang. Er schrie immer lauter, flehte John und Dom an, ihm zu helfen, sein Leben zu verschonen. Dann hörten sie ein knisterndes Geräusch, Ayleen glaubte, das Aufladen von Benes Stab darin zu erkennen. Jede Faser ihres Körpers schrie, zerrte an ihr, wollte aufstehen, herausrennen und sich vor Void stellen. Sie wusste, was er ihr und den anderen angetan hatte und wieder antun würde, wenn er Gelegenheit dazu hätte. Sie verstand auch Johns Argumentation, das der Tod besser für ihn wäre, doch ihr Herz wiedersprach. Es lag ihr einfach nicht im Blut, einen Menschen, sei er auch noch so bösartig, seines Lebens zu berauben. Doch, so sehr sie ihn retten wollte, wusste sie, dass sie keine Chance dazu hatte. Ihre Freunde würden sie aufhalten. Schafften diese es nicht, würden spätestens Donny oder Gambit sie zur Seite räumen, auf die freundliche oder weniger freundliche Weise.

Ayleen versuchte sich zusammen zu reißen, doch in dem Moment, als Benes Stab Voids Körper traf, spürte Ayleen das Zerren und Schmoren der Luft, die er zerschnitt und das Zischen, als die Strahlen in die Schulter trafen und es verursachte einen unangenehmen Schauer, der durch ihren eigenen Körper lief und sie zusammenzucken ließ. Ein Gefühl, dass sie nie wieder vergessen würde. Despair zitterte und drückte sich fester an sie und Ayleen verstärkte ihren Griff um das zierliche Mädchen. Doch liefen ihr stumm Tränen das Gesicht herunter. Ob sich darunter Tränen des Mitleids befanden, vermochte sie nicht zu sagen, wohl aber Tränen der Wut. Und der Angst.

Leid

New X-Men 2019 Leeana