Pokerabend

„Ich halte Deine Fünf und erhöhe um Eins! Ha!“

Mit vernehmlichen Klappern fielen die Pokerchips auf den Tisch und erhöhten den bereits beträchtlichen Haufen der bunten Plastikscheiben. Der dicke Zigarrenrauch bildete hypnotische Muster in der abgestandenen Luft des geräumigen Zimmers als das virtuelle Geld ihn durchschnitt.

„Pah, Du bluffst doch, das seh ich auch wenn Du Deine bescheuerte Sonnenbrille aufhast. Deine Sechs und VIER!!!“

Genau wie zuvor zeigte Kurts Gesicht keine Regung, als Mondo mit einem breiten Grinsen zwei rote Fünfer-Chips auf den Tisch knallte. Das einzige, was Mondo antwortete, war sein eigenes Spiegelbild in den Linsen von Kurts verspiegelter schwarzer Sonnenbrille. Für einen Moment fixierten sich die beiden, starrten sich in stiller Konfrontation an, bevor sie sich auf den muskulösen Schwarzen konzentrierten, der zu Mondos Linker saß.

Seinen übrigen gelassenen Ausdruck auf dem Gesicht überprüfte Shaquan noch einmal seine Karten und wartete einen Moment. Obwohl sein Gesicht genau so wenig bewegte wie Kurts war es offensichtlich, dass er mit sich rang, Optionen abwog. Schließlich kam er zu einer Entscheidung. Langsam schob seine ebenholzfarbene Hand Chips im Wert von zehn Dollar über den Tisch und seine tiefe, fast samtene Stimme, auf eine gewisse Art melodisch wie es nur Schwarze schaffen, vibrierte durch den Raum, die Aufmerksameren konnten sie sogar noch im Tisch spüren:

„Da… Zehn! Aber ich will sehen.“

Der nächste in der Reihe war der gedrungene rothaarige Italo-Amerikaner David. Ein kurzer Blick auf seine karten und das, was von seinem ehemals üppigen Haufen Pokerchips noch übrig war, ließen ihn recht schnell eine Entscheidung fällen. Bedächtig legte er seine Karten auf den Tisch, um seine Kapitulation zu zeigen und das leichte Schnappen des laminierten Kartons als er seinen Daumen darunter herauszog unterstrichen dieses Aufgeben noch.

„Sorry, das isses mir nicht wert. Ich bin raus.“

Die Aufmerksamkeit wechselte wieder, dieses Mal zum größten Teilnehmer der Pokerrunde Jason. Der werwolfähnliche Mutant hatte seine über zwei Meter große bepelzte Gestalt reichlich unbequem auf einen der Holzstühle gequetscht und hielt seine Karten in einer seiner riesigen krallenbewehrten Pranken, ein fast grotesker Anblick. Mit einem Knurren zog er die Lefzen hoch und schmiss seine Karten missmutig auf den Tisch was weitere faszinierende Wirbel in der rauchgeschwängerten Luft zur Folge hatte.

„Rrraus… Bierrr…“

Kurt vertröstete ihn noch einen Moment, als er mit geblähten Backen und deutlichem Luft ausstoßen die verlangte Summe herüberschob. Viel war auch von seinem Stapel nicht mehr über, viel Glück hatte er diese Nacht nicht gehabt. Das meiste seines Startkapitals fand sich mittlerweile bei seinem breit grinsenden besten Freund Mondo.

„Gleich, Jason. Die Runde noch… Das sind eure beknackten Zehn, ihr Bekloppten. Da liegt mittlerweile Taschengeld von fünf Leuten im Wert von `nem ganzen Monat auf dem Tisch, ist euch das klar?“

Noch breiter grinsend schob Mondo einen Turm von zehn Einer-Chips auf den haufen und legte seine Karten ab.

„Okay Gentlemen, Hosen runter! Sehet und weinet! Drei Ladies! Aber kann mir mal einer sagen, warum wir den Alk in den Wänden verstecken, wenn wir doch eh dicke Zigarren im Zimmer rauchen?“

Als ob ihnen der Gedanke noch gar nicht gekommen wäre, sahen die fünf Jungs sich zuerst im Raum um und sahen dann die dicken kubanischen Zigarren in ihren Händen an. Ein kleines, ironisches Lächeln zwang sich auf ihre Lippen, selbst auf Shaquans als der seine Karten offenlegte.

„Ach, verdammt, das schlägt meine zwei Pärchen! Rutsch mir doch den Buckel runter, Mondo! Mach wenigstens was anständiges mit dem Geld, Brotha, und schmeiß nicht wieder alles für Schokoriegel raus!“

„Wenn diese bescheuerte fette Eidechse mir nicht andauernd meine Riegel klauen würde, bräuchte ich nicht so viel Geld dafür ausgeben, Mann. Kommt zu Papa, meine Kleinen…“

Mit einem gierigen Funkeln in den Augen zog Mondo den großen Haufen zu sich. Die nackten, lächelnden Playboy Bunnies schienen seinen Triumph nur noch zu versüßen. Bis Kurt ihm die Hand auf die Arme legte und mit der anderen Hand warnend den Zeigefinger schwenkte.

„Ahahah-AH, au contraire, mon ami.“

Einzeln, wie Schüsse aus einem Revolver, klatschte er die Karten auf den Tisch und sein linker Sitznachbar zuckte bei jeder einzelnen zusammen.

„Ich hab eine Pik Fünf, eine Pik Sechs, eine Pik Sieben, eine Pik Acht und eine Pik Neun, die mir sagen, dass, dass Du noch eine Weile ohne Schokoriegel auskommen musst. Das ist meiner Zählung nach ein Straight Flush und der spült deine drei Bunnies direkt weg, so hübsch sie auch sein mögen.“

Frustriert schrie Mondo auf.

„Das gibt’s doch nicht!!! Das machst du jedes Mal! Jedes verdammte Mal!“

Da Kurt zu sehr damit beschäftigt war, seinen neuen Reichtum in besitz zu nehmen, war es David, von Freunden auch Doorman genannt, der sich nicht beherrschen konnte Mondo unter dem leisen Gelächter der anderen eine Antwort zu geben.

„Yep. Und man sollte meinen, dass du es langsam mal lernst.“

Mondos dunkles Gesicht verdüsterte sich noch weiter, aber bevor er antworten konnte, schnitt Jasons Knurren ihm eben diese Antwort ab.

„Berrruhigen… Bierrr…“

David lachte los, sein klares perliges Lachen das selbst in diesen für Mutanten schwierigen Zeiten noch von einer unbändigen Lebensfreude zeugte, steckte die anderen an und erstickte den aufkommenden Streit im Keim.

„Hahaha, schon gut, Jason. Herrgott, Du magst zwar aussehen wie der Große Böse Wolf aber manchmal benimmst Du dich mehr wie ein Sprittie!“

Von einem Moment zum anderen erschien sein Körper wieder in dieser rätselhaften, schwarzen Form, in der er seine Kräfte nutzen konnte. Nun schien er sämtliches Licht zu verschlucken und war nicht mehr als ein schwarzes Loch im Zimmer. Den anderen Jungs war es scheinbar egal, sie hatten immerhin schon krassere Mutantenkräfte gesehen und ein mehr oder weniger leibhaftiger Werwolf saß mit ihnen am Tisch. Es brauchte nicht mehr als einen kurzen Griff durch Davids Brustkorb von Shaquan und schon hatte jeder von ihnen wieder ein Bier in der Hand. Die Drehverschlüsse wurden geöffnet und man trank in friedlicher, stiller, gemeinsamer Eintracht. Einfach nur ein paar junge Männer, die an einem beliebigen Abend Poker mit Playboy-Karten spielten, nicht mehr. And diesem Abend waren sie keine Mutanten, selbst Jason stellte hier nichts besonderes dar, er war genau so ein Jugendlicher wie jeder andere im Raum auch. Energiestrahlen aus den Augen aussenden, die Stahl schmelzen können, so hart werden wie Stahl, Geräusche kontrollieren, die eigene Dichte und Masse verändern können, ein lebendes Portal sein, Zähne, Krallen, Pelz und ein Schwanz, das bedeutete heute ausnahmsweise mal nichts, so wie es ihnen Donny einmal klar gemacht hatte. Sie mochten Mutanten sein, aber sie waren auch Menschen und genossen die einfachen Freuden dieses Abends in vollen Zügen.

Es war Kurt, der nach etlichen Minuten des Genießens und nachdem einige Schlücke der bernsteinfarbenen Flüssigkeit seinen Hals hinuntergerollt waren, der als erster die Stille mit einer einfachen Frage brach.

„Sagt mal…“

Er klang ungewöhnlich nachdenklich, eine Ausnahme für den sonst so lebhaften und unbekümmerten Kurt, war sogar ein bisschen leiser als sonst, als wisse er nicht, wie er die Frage formulieren sollte. Neugierig schenkten ihm die anderen ihre Aufmerksamkeit und drehten unbewusst ihre Köpfe zu ihm. Jason gab einen einzelnen, fragenden Hundelaut von sich und richtete die Ohren auf. Kurt versuchte immer noch, die richtigen Worte zu finden.

„Ist ja schon ein richtiger Männerabend heute und ihr wisst ja, wie das so läuft, mit richtigen Männerabenden und so…“

Interessiert lehnte sich Shaquan süffisant grinsend nach vorne und platzierte einen massiven Unterarm auf dem Tisch wo noch kurz zuvor ein kleines Vermögen gelegen hatte, das jetzt komplett vergessen schien, da es in Kurts Taschen ruhte.

„Rück schon raus damit, Smallfry.“

Kurt, der es hasste, auf seine Größe angesprochen zu werden, schoss über den Rand seiner Sonnenbrille einen kurzen Blick aus seinen blauen Augen auf seinen Klassenkamerad ab, gott sei dank nur einen sprichwörtlichen.

„Yeah, na ja… Was haltet ihr denn von den Mädels an der Schule? Besonders die Neuen?“

Für einen kurzen Moment sahen sich die Jungs an, bevor sie anfingen, los zu lachen. Es war schon merkwürdig, dass sie seit der Ankunft der neuen Schüler dieses Gespräch noch nicht geführt hatten, sie waren immerhin pubertierende Jungs und einige ihrer Mitschülerinnen waren nicht gerade unattraktiv. Mondo war der erste, der noch teilweise lachend antwortete.

„Ha, das meinst Du also. Aber hast schon recht, da sind echt ein paar Geschosse dabei.“

Sein heißes italienisches Blut verbot es David natürlich, zu schweigen, wenn es um schöne Frauen ging. Seine Familie mochte schon über hundert Jahre in den USA sein, aber verhehlen, woher sie kamen, wollten und vor allem konnten sie nicht.

„Stimmt schon. Nennt mich ruhig pervers, aber ich würd echt gern mal sehen, wie Sooraya unter dem ganzen Zug aussieht. Ihre Augen sind auf jeden Fall scharf, dieser Sandton…. Es ist jedes mal so, als ob ich die Wüste seh, wenn ich ihr in die Augen blicke.“

Shaquan richtete sich wieder vom Tisch auf und sah David fast mit einem Ausdruck von Ekel im Gesicht an. Die harten Muskeln unter der dunklen Haut an seinem Hals spannten sich an.

„OsaMama? Mann, Alter, Du BIST pervers! Was soll denn das? Dein Ernst? Wenn Du aud so viel Exotik stehst, kannst Du ja auch gleich Pan vögeln. Die verstehst Du wenigstens nicht, wenn sie Dir mit was in den Ohren liegt. Und Du musst keine Angst haben, dass sie sich in die Luft sprengt, wenn Du mit ihr Sex hast. Für mich kommt sowieso nur M in Frage.“

Der ebenfalls dunkelhäutige Mondo hob eine Augenbraue.

„Miss Perfect. Klar. Und nebenbei die einzige schwarze Schülerin aufm Institut. Vergiss es, Brotha, die interessiert sich nicht für nen armen Nigga wie Dich. Apropos Pan. Hey Jason, wie wärs?“

Die Blicke der Gruppe richteten sich auf den etwas überraschten Jason. Außer Mondo hatte irgendwie niemand daran gedacht, dass sich in diesem wolfsartigen Körper dennoch der Geist eines normalen Teenagers befand, der sich wohl auch für hübsche Mädchen interessierte. Und es war ja nur logisch, dass er in der ebenfalls unmenschlich aussehenden aber trotzdem attraktiven Pan eine passende Freundin sah. Seine Antwort überraschte seine Freunde jedoch.

„Nein… Carrrmelita…“

Ungläubig starrten ihn die anderen an. Carmelita war die letzte, mit der sie gerechnet hatten. Auf den Gedanken, dass ihm zu seiner Quarterback-Zeit Dutzende Mädchen zu Füßen gelegen haben mussten, kamen sie nicht. Kurt war derjenige, der seinem Unglauben Ausdruck verlieh.

„Neee… Is’ nicht Dein Ernst, Großer? Unsere Zigeunerbraut? Glaub nicht so, dass die auf Wölfe steht?“

Jason holte bereits tief Luft, um unter großen Anstrengungen ein paar weitere Worte hervorzupressen, aber David sprang seinem Kumpan zu Seite. Seine freundliche, weiche Stimme tröstete nicht nur Jason, sondern brachte die anderen auch zum Nachdenken.

„Och, wer weiß? Ich denke eigentlich schon, dass Carmelita eher auf die inneren Werte achtet. Und Jason hat ja auch seine Qualitäten. Ihr wisst ja, wie es heißt. Ich hab vielleicht nicht das Geld von Michael Douglas, seh nicht aus wie Brad Pitt, aber ich…“

Lachend fielen die anderen vier mit ein und vervollständigten die berühmte Zeile.

„… kann lecken wie Lassie!!!“

Folge war ein fast fünfminütiger Lachanfall, der die Jungs dazu zwang, sich am Tisch fest zu halten, selbst den etwas seiner neuen Form etwas unsicheren Jason. Wenn Spott aus Davids Mund kam, hörte er sich einfach nie bösartig an, besonders da er ihn nie so meinte. Selbst die hässlichsten Worte verloren im Mund des Doorman ihre Schärfe. Es dauerte kurz, bevor sie sich wieder gefangen und die Lachtränen aus den Augenwinkeln gewischt hatten und Mondo den Faden wieder aufnahm.

„Ich steh auf Cordy, ich mag die kleinen Zierlichen. Aber Du brauchst Dich nicht beschweren, Kurt, Du mit Deiner Büffelbullin. Und Arlee zeigt auch nicht mehr Haut als OsaMama.“

David, der es gar nicht mochte, wenn über Leute in deren Abwesenheit gelästert wurde, widersprach.

„Lass doch mal Arlee und Sooraya in Ordnung, die sind beide ziemlich in Ordnung. Whoa, stellt euch mal Foxx vor.“

Zwischen dem ersten und dem zweiten Satz war ein kurze Pause entstanden, als wäre es ihm gerade erst eingefallen. Aber so langsam wurde es klar, dass Shaquan und David zumindest in Frauensachen nie zusammen finden würden, als dieser Davids Aussage kommentierte und dabei wieder die selbe Haltung wie zuvor an den Tag legte.

„Das weiße Ding mit den blauen Haaren? Bloß nicht, da lass ich mir doch lieber mein Ding amputieren, wenn ichs Sarah reinsteck.“

David sah ihn verständnislos an.

„Spinnst Du? Foxx ist ne Formwandlerin, die kann sich in alles verwandeln, sogar in ne Schwarze, Du Black Power Rassist.“

Ein Augenzwinkern und ein kurzes Herausstrecken der Zunge reduzierten die bei jedem anderen wohl bösgemeinte Anschuldigung des Rassismus zu nicht mehr als einer kleinen Neckerei unter Freunden. Shaquan legte die Hand an sein Kinn und strich sich durch den dünnen, schwarzen Ziegenbart wobei er nachdenklich brummte. Seine Augen waren plötzlich ganz weit weg und seine Stimme ein wenig verträumt. An den Augen der anderen konnte man jedoch sehen, dass sie wohl ähnliche Gedanken hatten. Kurt riss sie mit seinem Vorschlag wieder in die Realität zurück.

„Wundert mich, dass noch keiner von euch Ruby erwähnt hat. Gott, ist die heissssss…“

Davids fröhliches Lachen erklang wieder.

„Hahaha, lass das lieber nicht Arlee hören, wenn die Dir eine dafür pfeffert kanns sein, dass Dein Kopf durch den Raum fliegt.“

Shaquan, dessen Verstand wieder aus welchen Gefilden auch immer geruht hatte, mittlerweile zurückgekehrt war, rief sich kurz ein Bild besagter Ruby in den Kopf, bevor er antwortete. Groß für eine Frau, wobei ein Großteil dieser Größe auf ihre Beine entfiel, lange schwarze Haare, schlank, doch an den richtigen Stellen gerundet blasse Haut, blitzende grüne Augen, immer modisch gekleidet, meistens mit Miniröcken die viel von ihren perfekten Beinen zeigten. Ein echter Hingucker.

„Hast aber Recht, Kurt. Für ne Weiße ist die echt nicht schlecht.“

Mondo musste einen Moment mit den Augen blinzeln und sich versichern, dass er wirklich gehört hatte, was er gerade gehört hatte. Shaquan, der glühende Black Power Verehrer, fand eine Weiße gut? Viel mehr beschäftigte ihn jedoch eine andere Frage.

„Ungewöhnte Töne von Dir, Romeo. Ärger im Paradies?“

Kurt wand sich einen Moment, bevor er antwortete. Er schien sich sichtlich unwohl zu fühlen. Mondo war sein bester Freund, seitdem sie and dieser Schule waren, mit ihm verband ihn mehr als mit allen anderen, sie hatten alles geteilt und sich gegenseitig Kraft gegeben, als sie beide neu und unsicher auf dem neuen Terrain gewesen waren. Zusammen waren sie Täter gewesen, nicht Opfer, bevor dieses Ereignis in der Stadt die Klasse zusammengeschweißt hatte. Aber konnte er das mit ihm teilen? Außerdem waren ja auch noch die anderen da. Aber, zum Teufel! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt und schließlich hatte er ja auch deswegen dieses Thema überhaupt erst angefangen. Er wollte wissen, was seine Freunde darüber dachten. Er selbst war nämlich ratlos.

„Naja… Es läuft nicht so wirklich, irgendwie kommen wir nicht voran.. Sie lässt mich nicht an sich ran, ich darf sie nicht mal küssen.“

Es mutete beinahe komisch an, als Jason seine Pfote auf Kurts schmale Schulter legte. Der im Ghetto als harter Mann aufgewachsene Shaquan hob sogar eine Augenbraue ob dieses ihm ungewohnten Zeichens zwischenmännlicher Intimität. Jasons gelbe Wolfsaugen suchten Kurts blaue hinter der schwarzen Barriere und sprachen von einem tiefen Verständnis für Kurts Lage. Ein einzelnes geknurrtes Wort gab Kurt einen Teil seines Mutes zurück.

„Geduld“

Ja, er sollte Geduld haben, aber hatte er die wirklich? Oder zumindest genug davon? Jetzt so mit Jason zusammen zu sitzen und ihm in die Augen zu sehen, war nicht einfach. Kurt war lange nicht so unemotional und cool, wie er sich immer gab, nur Ayleen und Arlee hatten diese Schale hin und wieder Knacken können. Lange Jahre hatten ihn gelehrt, dass wer seine Gefühle offen zeigte, normalerweise nur verletzt wurde, dass man hart sein musste, kalt, vorgeben musste, auf alles einen Scheiß zu geben, wenn man nicht verletzt werden wollte. Und das war er geworden. Aber er war nicht dumm. Er wusste, dass er hier saß und eine Freundin hatte und Jason nicht. Und dass es für seinen Kumpel mit diesem Aussehen auch sehr schwer werden würde, jemals wieder eine zu finden oder gar eine funktionierende sexuelle Beziehung zu jemandem aufzubauen. Witze über „Doggy Style“ und ähnliche Dinge waren nur so lange witzig, wie man selbst nicht davon betroffen war. Und jetzt saß er da und erzählte diesem Kerl was von zwei Frauen. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Also machte er es wie immer und nahm den einfachen Ausweg. Scheinbar geläutert ließ er den Kopf hängen.

„Yeah, das hat Ayleen auch gesagt.“

Jason nickte nur mit dem großen Kopf.

„Ayleen… Gutes Mädchen… Mögen…“

Auch David schloss sich dieser Meinung an.

„Lass dem Ganzen noch ein bisschen Zeit, gibt sich bestimmt alles. Wer kann schon sagen, was mit Arlee los ist?“

Das war der Moment, in dem Kurt das Falsche sagte.

„Stimmt, aber Ruby geht ziemlich ran.“

Plötzlich streckte Mondo die Hand aus. Mondo war mit etwas weniger als 1.90m nicht gerade klein und seine große schwarze Faust hing fast drohend in der Luft und verlangte wie ein stilles Mahnmal eine Erklärung. Durch ihn ermutigt wurden auch die anderen neugierig.

„Wowowowow, mein Freund. Mal langsam, bitte! Details!“

Wieder wand sich Kurt, aber es half wohl nichts, er hatte die Büchse der Pandora geöffnet und nun musste er auch die Konsequenzen seiner Handlung ausbaden. Er hatte die Meinung seiner Freunde hören wollen, da musste er sie wohl auch mit den nötigen Fakten versorgen.

„Nun… Ich hab doch Klassen mit ihr. Sie kann Feuer spucken oder so was und ich hab ja diese Augenstrahlen. Und sie macht immer so Andeutungen…“

Er pausierte kurz und suchte wieder nach Worten. Shaquan machte eine auffordernde Bewegung mit der hand und ermutigte ihn, weiter zu sprechen.

„Du hast meine volle Aufmerksamkeit, Brotha.“

Noch einmal schluckte Kurt, bevor er fortfuhr.

„Sie lässt mal ein paar Bemerkungen fallen, nennt mich ‚sexy Skatepunk’, ‚mein Hübscher’ und all so was. Drückt sich ganz eng an mir vorbei, reibt sich an mir, wenn wir aus der Tür gehen, streicht mir mit ihren langen Fingernägeln am Gesicht lang, wirft mir eindeutige Blicke zu, zeigt mir ein verführerisches Lächeln, all son Zeug.“

Worte waren nicht genug, um es zu beschreiben. Selbst jetzt, wo er nur daran dachte, fing sein Puls an, schneller zu schlagen und sein Mund wurde trocken. Das Gefühl von Rubys festem Körper, wie sie sich gegen ihn drückte, wie sie ihren Hintern an seinem Gemächt rieb, selbst der Geruch ihrer Haare, all das war in diesem Moment so präsent, so stark. Selbst daheim war er nie so einer Frau begegnet, sie strahlte pure sexuelle Aggressivität aus. Gleichzeitig waren da Bilder von ihm und Arlee, wie sie im Garten picknickten und lachten. Der eine Kuss, den sie unter der alten Trauerweide geteilt hatten. Die beiden Frauen waren so verschieden, wie konnte es da sein, dass sich beide für ihn interessierten. Oder interessierte sich Arlee überhaupt noch für ihn? Manchmal zweifelte er daran. Ruby hingegen zeigte fast schon ein Übermaß an Interesse. Ach wenn doch nur…

„Kurrrt… NEIN!“

Jasons Knurren riss ihn schon wieder aus seinen Gedanken. Bevor er jedoch die Möglichkeit hatte, zu reagieren, war Shaquan bereits eingeschritten.

„Ich seh nicht, wo das Problem sein soll, Jason.“

Auch Mondo hielt mit seiner Meinung nicht hinterm Berg.

„Ich auch nicht. Ist ja nicht so, dass die beiden offiziell ein Paar sind oder hast Du auch nur einen von beiden mal sagen hören, dass sie zusammen sind? Kurt ist ein freier Mann, er kann machen, was er will.“

David, der sich bisher gedankenversunken in seinem Stuhl zurückgelehnt und zugehört hatte, schaltete sich ebenfalls wieder ins Gespräch ein.

„Find ich irgendwie nicht so gut.“

„Italiener und Treue, ist ja auch so ein großes Thema.“

Auf einmal richteten sich alle Augen im Raum auf David. Shaquans Aussage war definitiv provozierend gemeint, im gehässig spöttelnden Ton ausgesprochen. Der jedoch lachte nur wieder. Im Einstecken war er sogar noch besser als im Austeilen, es war wirklich schwer, den kleinen Italiener zu ärgern und selbst solche Sachen nahm er normalerweise nicht krumm. Einer der Gründe, warum Mondo und Kurt ihn so mochten, er verstand eine Menge Spaß und man konnte fast alles mit ihm machen.

„Hahahaha, Punkt für Dich, Shaquan. Aber ich finds trotzdem keine so tolle Idee, allein schon, weil Arlee ihn zwischen zwei Fingern zerquetschen könnte.“

„Wenn sie an meinen kleinen Kumpel ranwill, muss sie erst mal durch mich durch.“

Unter allgemeinem Gelächter stand Mondo auf und boxte unter Imitation von Muhammad Alis legendärer „Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene“ Taktik in die Luft. Kurt, der selbst noch lachte, beschloss, die Situation ein wenig zu beruhigen.

„Langsam, langsam, Jungs. Noch ist nichts entschieden, ich sag ja nur, dass ich mich umschau.“

„Und das ist Dein gutes Recht, Mann, lass Dir da von keinem was anderes erzählen.“

„Ach, lass mal gut sein und lieber das Thema wechseln, Shaquan, sonst gibt’s hier noch ernsthaften Stress.“

Bevor jedoch jemand was anderes sagen konnte, haute Jason seine Flasche auf den Tisch und ließ den gewaltigsten Rülpser los, den die Jungs jemals gehört hatten. Sogar die Fensterscheiben wackelten. Mondo, Kurt, David und Shaquan lehnten sich mit weit aufgerissenen Augen zurück und warteten, bis dieser Miniorkan vorbei war. Wer hätte gedacht, dass der 2 Meter große Wolfsmensch so große Gasmassen in sich speichern konnte. Fassungslos starrten sie ihn an.

Und prusteten los als Jason ein weiteres Wort knurrte.

„Bierrr!“

Kopfschüttelnd ließ David seinen Blick über die eigen halbvolle Flasche Bier und die der anderen gleiten, bevor er sich wieder verwandelte und an die Wand stellte, damit jemand durch ihn hindurch greifen konnte.

„Alter, Jason. Bist Du ein Tier.“

Auch Kurt schüttelte über Davids Kommentar den Kopf und schmunzelte. An der Oberfläche. In seinem Inneren sah es nicht ganz so heiter aus. Zwei Frauen geisterten in seinem Kopf herum und er wusste nicht, was er tun sollte, für welche er sich entscheiden sollte. Nur die Zeit würde zeigen, wie das ausgehen sollte…

Pokerabend

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