Sterne im Sari

Der Wind war hier schwerer als zu Hause. Das mochte am feuchten Klima liegen und doch hatte diese schwere, warme Luft etwas für Ayleen. Sie waren Hals über Kopf aufgebrochen und Donny ohne eine Erklärung zurück zu lassen, war zwar feige, doch einfacher gewesen. Sie konnte alles erklären, wenn sie zurückkam. Falls sie zurückkam. Die Konfrontation, in welcher Form auch immer, mit Dormammu lastete noch immer schwer auf ihr, doch der sanfte, leichte Wind mit diesen gehaltvollen Aromen, schien die ganze Welt in ein anderes Licht zu rücken.
Trap und sie hatten sich unweit des Himalayas in einer kleinen Ferienhütte niedergelassen, die von Wanderern als Domizil genutzt wurde. Es war nicht schwer, unauffällig zu sein, sahen sie doch aus, wie amerikanische Studenten, die auf der Suche nach irgendeiner spirituellen Begegnung waren. Niemand hatte sie nach Ausweisen oder ähnlichen Dokumenten gefragt, als sie eincheckten, das Bargeld hatte vollkommen ausgereicht.

Um nicht ganz so stark aufzufallen, hatten sie jedoch ihre Kleidung gewechselt. Trap trug eine sandfarbene Kurta mit einer passenden Leinenhose. Er erinnerte Ayleen an die Hippiebewegung aus den 60ern des letzten Jahrhunderts. Sie selbst hatte sich für einen klassischen Sari entschieden. Einerseits verdeckte er einen Großteil ihrer Haut, andererseits konnte sie mit dem Schleier auch ihr Gesicht verdecken, wenn sie einen öffentlichen Platz mit Kameras überqueren mussten. Als sie ihn das erste Mal anzog, hatten sie keinen Spiegel in ihrem Appartement gefunden, der groß genug gewesen wäre, um sich im Ganzen zu sehen. Also hatte Trap etwas Verrücktes ausprobiert. Er verband ihre Gedanken miteinander und lieh Ayleen seinen Blickwinkel. Wenn sie in der Gruppe unterwegs waren, waren stets alle darauf bedacht, sich auf ihre Gedanken zu konzentrieren. Doch jetzt nahm sie zum ersten Mal wirklich Traps Sicht auf die Dinge war. Es war befremdlich, sich selbst durch die Augen eines anderen zu sehen. Zuerst schien alles unwirklich, da sie ja im gleichen Moment auch ihn anschaute, in Richtung seiner Augen blickte, die sie gerade benutzte. Also, viel mehr seine Mutantenkräfte. Unsicher tippte sie an ihr Armgelenk und aktivierte ihren Kräftehemmer, um sich besser sehen zu können.

Sie blickte auf eine schlanke Gestalt, deren nackte Füße unter dem leicht durchsichtigen Stoff des Überwurfes heraus blitzten. An ihrem Handgelenk erkannte sie den Hemmer, dem Dargo das Aussehen eines modernen Armbandes verliehen hatte. Ihr Körper wurde von dem fließenden Sarong umspielt, der zwischen einem kräftigen und einem sehr dunklen Blau changierte. Das Muster bestand aus kleinen Blumen, die mit Spiegeln besetzt waren und je nach Lichteinfall aussahen wie Sterne am Nachthimmel. Aus dem Überwurf, den sie über den Kopf gelegt hatte, fielen ein paar wenige Strähnen ihres blonden Haares ins Gesicht und über die Schultern. Sie bemerkte, dass Trap sie hübsch fand, unter freundschaftlichen Gesichtspunkten und sie zog sich aus seinen Gedanken zurück, bevor er merken konnte, dass sie errötete – dachte sie jedenfalls.

Wieder sog Ayleen die Luft tief in ihre Lungen und spürte zum ersten Mal, seit diesem schrecklichen Ereignis etwas wie Hoffnung in sich aufkeimen. Hoffnung, dass sie es schaffen könnten. Hoffnung auf Vergebung. Der anderen und von sich selbst. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren.

Sterne im Sari

New X-Men 2019 Leeana