Stille Antworten

New York lag still und gleichzeitig laut, dunkel und gleichzeitig glitzernd vor ihm, fast ruhig in der schwülen Hitze der Sommernacht unter einem sternenlosen schwarzen Himmel. Die berühmteste Stadt Amerikas, früher einmal Anlaufpunkt für die Müden, die Armen, die geknechteten Massen, die bemitleidenswerten Abgelehnten, die Heimatlosen, vom Sturm Getriebenen wie es auf der Freiheitsstatue stand. Doch was war es nun? Wie der Rest der USA war es verkommen, die Müden und die Armen und all die anderen, die dieses Land früher einmal willkommen geheißen hatte, waren nicht mehr gefragt, denn wer war heutzutage müder und ärmer als sein Volk, die Mutanten?

Nein, die besonderen Kinder der Menschheit waren jetzt ungewollte Bastarde, nur noch dreckige Missgeburten und abartige Freaks, Nachgeburten der Menschen statt ihrer nächsten Evolutionsstufe. Mehr und mehr seiner Art, seiner Mitschüler, seiner Freunde waren vor seinen Augen gestorben, auf die unterschiedlichsten Arten, manche von ihnen abgeknallt wie räudige Hunde.

Obwohl er auf der Feuertreppe dieser Jugendherberge saß, Blick auf The Big Apple, und spürte, wie ihm der Wind leicht, fast zärtlich durchs rabenschwarze Haar strich war er in diesem Moment nicht hier, nicht einmal in dieser Zeit. Er war in diesem roten Kombi vor einem halben Jahr, als Jonathan Stryker, der Mann mit dem ihm traurigerweise so viel verband, Yuriko durch den Hinterkopf schoss. Wie ein rot- marmorierter Fächer breiteten sich ihr Gehirn und ihr Blut auf der Innenseite der Windschutzscheibe aus und versperrten ihm die Sicht auf die Straße, alles verschwand hinter dem schrecklichen roten Schleier. Hinter ihm lag die Leiche Catherines, oder auch Commando wie sie sich selbst nannte, auf der Straße, neben ihm die Leiche Yurikos beziehungsweise Deathstrikes und vor ihm war nichts zu sehen.

Vor ihm war nichts zu sehen.

Er seufzte als ihm die Ironie bewusst wurde, sog die warme, smogverseuchte Luft dieser Großstadt ein und ließ sie seine Lungen füllen, um wieder in die Gegenwart zu kommen. Auch jetzt war ihm unklar, wie es weitergehen sollte. Professor S hatte ihm den Auftrag erteilt, mithilfe einiger Schüler Comcast zu finden und ihm genug Geld zu bieten, damit er ihnen half, Sinister aufzuspüren. Aber wie sollte er das tun? Das letzte mal, als ihm eine wichtige Mission anvertraut worden war, waren seine Begleiter gestorben. Würde er sie dieses mal wieder in den Tod führen? Die selben Schüler für die Catherine und Yuriko ihr Leben gelassen hatten? Würde er ihr Opfer zunichte machen? Wäre nicht der Söldner Taskmaster der Bessere für den Job? Oder das kaltherzige Enigma Iceberg? Er war doch nur ein Mutant, der es dunkel werden lassen konnte.

Gott! Er stützte den Kopf in die Hände, Tränen quollen von tief drinnen herauf, kämpften sich mit aller Macht an die Oberfläche. Immer diese Zweifel. Zweifel, Zweifel, Zweifel. Sie begleiteten ihn seitdem er denken konnte und seitdem er am Institut war, waren es nur noch mehr geworden. War er der Richtige für all das? War das nicht zuviel für ihn? War es klug, ihm das Leben dieser jungen Schüler anzuvertrauen, die so fest an ihn glaubten? Für sie war er der nette, lässige Donny, der coolste der Lehrer und für manche vielleicht sogar so etwas wie ein Freund. Sie vertrauten ihm. Wie Catherine und Yuriko damals auch. Aber er hatte den weg verloren, fühlte sich nicht bereit für den wichtigen Auftrag und das Vertrauen, das alle in ihn setzten. Die Mutanten waren eine belagerte Rasse vor der endgültigen Auslöschung. Eingepfercht in dreckige Konzentrationslager, dahinvegetierend in Todescamps hörte er sie wie mit einer Stimme aus tausenden von Mündern rufen. Sie brauchten einen Retter. Aber er wusste, er konnte es nicht sein. Der Preis war zu hoch.

Wer würde diesmal nicht zurückkommen? Wer würde sein Leben diesmal dem Traum opfern? Eric? John? Dargo? Ayleen?

Eine einzelne Träne fiel über den Rand der Feuerleiter in die Dunkelheit unter ihm, funkelnd wie ein Diamant. Als er mit geröteten Augen wieder aufsah stellte er der leuchtenden Stadt vor sich die alte Frage.

Wie üblich antwortete sie ihm mit Stille.

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