Tage der Trauer 1 - Jason

Der kühle Abendwind trieb das frische Aroma des Waldes vor sich her während der Mond gerade zur Hälfte über den verträumten Baumwipfeln stand. Noch war es nicht dunkel, der Himmel zeigte mehr ein sommerliches Hellblau ohne Sterne anstatt tiefem Schwarz mit dem eingestreuten Funkeln der Sterne. Die einzigen Geräusche waren das Rauschen des Windes in den Blättern und die gelegentlichen Bewegungen von Eichhörnchen die vor Ende des Tages noch von Ast zu Ast sprangen um ihre sichere Höhle noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Die anwesende Versammlung machte ihrerseits keine Geräusche und bewegte sich, abgesehen von einem kurzen Herumrutschen um auf den gepolsterten Klappstühlen einen bequemeren Platz zu finden, kaum. Ihre ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf eine mit weißem Samt ausgeschlagene schwarze Holzkiste. Einen Sarg. Darin lag eine große, reglose Gestalt, einem Werwolf nicht unähnlich. Jason. Das Blut war aus seinem Pelz gewaschen, die fehlenden Zähne ersetzt und auch jeglicher anderer Schaden repariert worden, aber dennoch machten die hängenden Ohren und das fehlende Heben des mächtigen Brustkorbs klar, dass es sich hier nicht um eine Ehrung, sondern um ein Begräbnis handelte. Um dies bestätigt zu sehen, musste man nur einen Blick auf die schwarz gekleideten Besucher in ihren vornehmen Anzügen und Kleidern werfen.

Eine dieser Gestalten machte sich gerade auf den Weg nach vorne, zu einem kleinen Rednerpult neben dem Sarg. Jeder konnte sehen, in was für einer miserablen Verfassung Kurt war. Tiefe Linien durchzogen sein Gesicht. Der Anzug passte nicht wirklich, schien eine Nummer zu groß da er mit hängenden Schultern etwas vornüber gebeugt ging. Sein Haar war im gewohnten Stil nach oben gegelt, aber es war anhand einiger zerdrückter Stacheln offensichtlich, dass er es bereits gestern gerichtet hatte und nicht heute morgen. Trotz der anbrechenden Dunkelheit trug er seine verspiegelte schwarze Sonnenbrille, die er sich immer wieder auf die Nase schob wie um sich dahinter zu verstecken, vielleicht auch nur um störendes Licht abzuhalten. Der erste Knopf seines verknitterten weißen Hemdes war offen und die widerspenstig im Wind flatternde, schmale, schwarze Krawatte war bereits gelockert. Die Anzugschuhe waren alles andere als auf Hochglanz poliert. Er sah mehr wie eine Figur aus einem Tarantino-Streifen wie Reservoir Dogs oder Pulp Fiction aus denn wie ein Trauergast. Doch noch mehr als all das verriet seine Fahne billigen Fusels der ersten Reihe, dass er schon tagelang mit dem Tod seines Freundes rang.

Für einige erschien es passend, dass Kurt auf das Andenken seines alten Freundes und Saufkumpan angestoßen hatte. Andere hingegen, insbesondere Jasons tadelnd dreinblickende Eltern in besagter erster Reihe, sahen es einfach nur als unangemessen an. Ihr unerfreuter Gesichtsausdruck änderte sich auch nicht, als er schwankend am Rednerpult ankam nachdem er mühsam die beiden kleinen Stufen dorthin erklommen hatte und einen schlampig handgeschriebenen Zettel aus seiner Jackettasche fischte der sogar noch mehr Falten und Knicke aufwies als sein Hemd. Er entfaltete ihn, warf einen Blick darauf bevor er tief und traurig seufzte und zu sprechen begann. Seine Stimme ließ alle Leidenschaft vermissen, für die er so bekannt war. Sie war einfach nur müde und leer.

„Wir wollen heute Jason Noah Priest zu Grabe tragen…“

Er stockte einen Moment. Warf noch einen Blick auf den Zettel. Stockte wieder. Blickte wieder auf den Zettel. Sein Gesicht verzog sich in hilfloser Wut, die Stirn gefurcht, die Zähne gefletscht. Seine Schultern spannten sich an, seine Fäuste ballten sich und zerdrückten so den Zettel. Dann tat er das Unerwartete.

Mit einem bösartigen Fluch warf er den zusammengeknüllten Zettel tief in den Wald. Die wenigen Eichhörnchen die geblieben waren um sich die Zeremonie anzusehen ergriffen erschrocken die Flucht in sichere, weniger wütende Gefilde.
Als er wieder sprach war er plötzlich wieder der alte Kurt. Voller Energie, voller Zorn. Die Leidenschaft war in seine Stimme zurückgekehrt und sprühte geradezu heraus. Die Missbilligung auf dem Gesicht des eher konservativen Paares, das Jasons Eltern war, wechselte zu Überraschung. Die restlichen Schüler hielten erschrocken den Atem an.

„Ich sage euch, wen wir heute zu Grabe tragen: Ich beerdige heute den siebten engen Freund innerhalb eines einzigen Jahres, allein den zweiten innerhalb einer Woche. Und sein Name war Jason. Ich wusste nie, dass sein zweiter Vorname Noah ist, denn das hat er mir nie gesagt. Ich wusste, dass er Priest mit Nachnamen heißt, aber verdammt noch mal, das war irgendwie nie wichtig. Er war einfach Jason. Es war nicht deshalb nicht wichtig, weil er sich von seiner Familie entfernt hätte. Es war deshalb nicht wichtig, weil er Familie für uns alle war. Der Name wurde irgendwann einfach Nebensache. Er war einer der ersten am Institut, kurz vor seinem zweiten Mutationsschub der ihn zu diesem Riesen machte, der jetzt da in dieser… verfluchten Kiste liegt. Zu dieser Zeit saßen wir oft zusammen, er, Mondo, Shaquan, David und ich und redeten endlos. Ich kann mich erinnern wie seine und Mondos Augen leuchteten, als sie Footballgeschichten austauschten. Er konnte nicht viele Worte auf einmal aussprechen, aber es war wie als ob man dabei gewesen wäre. Eines dieser Spiele auf das man geht, weil man heimlich so unglaublich stolz ist, dass das der eigene Bruder ist, der da auf dem Feld das andere Team verprügelt.

Das war nicht alles. Nicht nur für uns, auch für die nachfolgende Generation wurde er ein Bruder. Sein eigener Bruder Jonathan kam relativ gut mit seinen Kräften zurecht, er hatte sich bereits daran gewöhnt.. Wir hatten allerdings einen anderen Schüler, Victor, der ganz und gar nicht mit seinen animalischen Kräften zurecht kam. Wer sonst außer Jason hätte sich EINE GANZE WOCHE frei genommen um mit einem Schüler in den Wäldern zu leben, damit er zwar gezwungen wäre seine Kräfte zu meistern aber dabei immer wusste, dass jemand da sein würde? Ich habe mit Victor gesprochen und er meinte, er fühlte sich endlich einmal verstanden. Er aß zum ersten mal rohes Fleisch und stellte fest, dass es viel besser für seinen Organismus war. Und warum? Weil es ihm zum ersten mal nicht als rohe, fertige Masse vorgesetzt wurde, sondern weil er es selbst jagte, selbst zur Strecke brachte und seine Krokodilszähne in einen frischen, noch warmen Körper schlug. Ich sehe eure angeekelten Blicke da unten. Ihr denkt: Wie kann er nur einen Jungen so in ein Monster verwandeln? Wisst ihr was? FICKT EUCH!!! Er hat ihn nicht brutalisiert, nicht entmenschlicht. Er hat ihn mit seinen Instinkten in Kontakt gebracht, hat ihm beigebracht mit seinem neuen Status klarzukommen. Danach haben sie immer beisammen gesessen und geredet, teilweise die ganze Nacht lang. Jason hat ihm erklärt, was er auf die harte Tour gelernt hat. Man darf keinen Teil seiner selbst vernachlässigen. Egal welchen man unterdrückt, man ist nicht mehr eins und wird zur Bestie, egal welchen Teil man überbetont.

Und das hat er in seiner Freizeit gemacht! Ich hätte gerne mal gesehen wie das jemand von euch gemacht hätte. Wie ihr mit einem verwirrten und traumatisierten Jugendlichen umgegangen wärt, der nicht nur mit seinen Kräften, sondern auch mit sich selbst klarkommen muss. Viel Glück dabei…

Ich würde ja sagen, Jason vereinigte das Beste von Mensch und Wolf in sich, aber das wäre gelogen. Meiner Erfahrung nach haben Menschen normalerweise nicht so viel Gutes das sie einbringen könnten. Also werde ich etwas anderes sagen, etwas das der Wahrheit viel näher kommt: Jason besaß die besten Eigenschaften eines Wolfs. In einer Zeit in der wir Mutanten verfolgt wurden, in der viele nur all zu bereit waren, die Haut eines anderen statt der eigenen zu verkaufen um auch nur einen Tag länger zu leben und nicht in einem dreckigen Konzentrationslager zu sterben, war er eine der wenigen, die noch wussten was Loyalität bedeutet. Egal was für ein Arschloch ich auch war, egal was für dämliche Riesenfehler ich gemacht habe, Jason hat zu mir gehalten. Es hätte den Tod gebraucht, um ihn von meiner Seite zu reißen. Und so ist es letztendlich leider auch gekommen…

Familie geht tiefer als Fleisch und Blut, tiefer als bloße Verwandtschaft. Jason war Verwandtschaft als sich meine Familie von mir abwendete, ein Bruder der mir treuer war als mein eigener, jemand der immer da war wenn ich ihn brauchte, egal wann. Und heute wollen wir diesen großartigen Mann ehren. Ein wirklicher Mann, der wie eine Bestie aussah und dennoch mehr Mann war als jeder den ich bisher getroffen habe.“

Mit einem unleserlichen Ausdruck auf dem sonnenbebrillten Gesicht drehte sich Kurt zu dem Sarg um und betrachtete seinen toten Freund. Für kurze Zeit war Stille. Alle achteten nur auf ihn, die ganze Aufmerksamkeit des kleinen Platzes war auf ihn konzentriert. Er seufzte ein weiteres mal und fuhr mit brechender Stimme fort.

„Jason… Bruder… Ich weiß wie sehr du den Mond geliebt hast. Er sprach zu dir, zu deiner menschlichen und deiner tierischen Seite. Instinkte… die du niemals ganz verstanden aber immer akzeptiert hast ließen dich jeden Abend nach oben schauen und seine kühle Schönheit bewundern. Und deine menschliche Seite… ach Scheiße… deine menschliche Seite ließ dich etwas sehen, das für dich schöner war als die Sonne, denn du konntest es ohne Schmerzen direkt ansehen. Für dich war jeder Krater… ein Wunder für sich und du kanntest die Namen von jedem einzelnen. Herrgott, du kanntest sogar die meisten Gedichte die über den Mond geschrieben wurden auswendig. Ein unglaubliches Mysterium und ich weiß, du hast davon geträumt einmal auf dieser steinigen Oberfläche zu laufen. Ich habe mit deinen Eltern geredet und wir haben beschlossen, dir diesen Wunsch zu erfüllen. Jetzt werden sie jedes Mal… wenn sie zum Himmel sehen wissen… dass du da bist und über sie wachst. Es ist nur ein kleiner Dienst gemessen an dem was du getan hast, indem du einfach nur du warst, aber es ist der einzige… den wir dir noch erweisen können. Von daher… Machs gut…

Ayleen?“

Nach seinem Nicken kam Ayleen den Gang entlang gelaufen, still und würdevoll in einem schwarzen Kleid das die Aufmerksamkeit von ihrer transparenten Haut ablenkte, die blonden Haare in einem Knoten hochgebunden. Schritt um Schritt brachte sie im angemessenen Tempo näher an das kleine Rednerpult und den Sarg. Als sie neben dem zitternden Kurt zu stehen kam, legte sie ihm sanft eine Hand auf die Schulter, doch der sagte nicht und wischte sich stattdessen mit dem Ärmel trotzig eine einzelne Träne von der Wange. Ein weiteres Nicken brachte Ayleen dazu, die Hand zu heben. Wie auf ein geheimes Zeichen nahm der Wind merklich zu, das Rauschen in den Wipfeln verstärkte sich, die anwesenden Damen hielten ihre Hüte fest und Schals und Röcke bewegten sich stärker in der neuen Luftströmung. Langsam erhob sich auch der Sarg, als sich die Materie der Meisterschaft des schmächtigen Mädchens über ihr Element beugte. Höher und höher stieg er, rotierte einmal horizontal über den Köpfen der Trauergäste und war dann plötzlich verschwunden, mit Hochgeschwindigkeit auf dem Weg zu dem weißen Himmelskörper der Jason so fasziniert hatte. Alle Angehörigen blickten dem Sarg nach während dem Verstorbenen sein letzter großer Wunsch erfüllt wurde.

Doch da waren zwei in der Gruppe, die sich in diesem Moment sehr einsam fühlten. Zwei die in diesem Moment nur stumm Kraft aus der Nähe des jeweils anderen ziehen konnten. Denn beide hatten heute einen Freund verloren und konnten nur hoffen, dass die wichtige Person neben ihnen nicht der Nächste sein würde.

Tage der Trauer 1 - Jason

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