Tautropfen und Wintersonnen

Ayleen schloss die Augen und sog die warme, sterile Luft des Raumes tief in ihre Lungen. Dann nahm sie ihren Mut zusammen und sah sie an. Despair schlug die Augen auf. Nicht, dass Ayleen nicht erleichtert gewesen wäre, sie wohlauf zu sehen. Doch beschlich sie mehr und mehr das Gefühl, dass sie als einzige ahnte, dass sie alle diesen Umstand mit Blut bezahlen würden.
Wenn sie eines in der letzten Zeit gelernt hatte, dann war es, dass es nichts auf dieser Welt umsonst gab. Jede Tat verlangte irgendwann eine Gegenleistung: Hoffnung – Glauben, eine Information – ein Gefallen, ein neuer Lehrer – eine neue Mission, Unterricht – sein Leben zu riskieren, das Leben eines unschuldigen Menschen – das Leben eines Mutanten. Sie hatten gerade das Leben eines unschuldigen Mutanten wiedererhalten. Was war der Preis? Dankbare Abhängigkeit? Tolerante Duldung?
Schweigend sah Ayleen zu, wie die anderen in der Bewunderung Despairs neuer Kraft aufgingen. Despair war ihr ans Herz gewachsen, ohne Zweifel. Sie hatte es schon oft genug bewiesen, wie die meisten, die mit ihr in diesem Raum standen. Es schien ihr, als hätte Despair ihre Verzweiflung über diese Welt abgelegt. Sie wirkte noch immer fragil, aber nicht zerbrechlich. Die dunkle, melancholisch-traurige Aura war einer gewaltigen, würdevoll einschüchternden Macht gewichen, die alle um sie herum in ihren Bann zog. Ganz vorsichtig tastete Despair mit ihrer sanft leuchtenden, langen Zehe nach dem Boden, doch sie erreichte ihn nicht. Als sie an Ayleen vorbei auf die Tür zulief, schien sie von Wolken getragen zu werden.
Als sie der engelhaften Kreatur hinterher sah, fiel ihr Blick auf das in Verzückung erstarrte Gesicht Donnys und ihr wurde eines schlagartig bewusst: Jeder noch so hübsch anzusehende Tautropfen würde unsichtbar vor der strahlenden Schönheit der aufgehenden Wintersonne.

Tautropfen und Wintersonnen

New X-Men 2019 Leeana