Teaparty

„Das hat er…“

„…nicht gerade wirklich getan!?“

Und plötzlich waren sie allein. Saßen ironischerweise allein zu zweit in dieser endlosen Schwärze an einer grotesken nach dem Vorbild von Lewis Carrol gedeckten Tafel und starrten einander an. Zwei Mädchen wie sie nicht unterschiedlicher sein konnten. Ayleen auf der einen Seite. Ein unspektakuläres Mädchen mit unscheinbaren, strähnigen straßenköter-blonden Haaren und blauen Augen. Auffällig allein durch die Transparenz ihrer Haut und dem intelligenten blauen Feuer in eben jenen Augen, die ihr Gegenüber ungläubig anblickten.

Ruby saß auf der anderen Seite des Tisches und erwiderte den Blick aus den glühend-gelben Kugeln, die sie als Augen bezeichnete. Ihre blutrote Haut hob sich klar von der weißen Tischdecke und dem Schwarz des Hintergrundes ab während sie riesigen fledermausartigen Flügel so um ihren Stuhl drapierte, dass er nicht mehr zu sehen war. Ihr Mund stand in ungläubigem Staunen weit offen wobei das schummrige Licht, woher es an diesem seltsamen Ort auch immer kommen mochte, auf ihren vampirartigen Fängen spielte. Ihr Schwanz, mit Mühe gewaltsam so auf den Stuhl gezwängt, dass sie sitzen konnte, zuckte gereizt umher und verriet ihre Nervosität.

Noch wenige Sekunden zuvor hatten sie zusammen mit dem durchgeknallten Mutanten, der sich selbst „Der Verrückte Hutmacher“ nannte und ihrem Mitschüler John hier gesessen, aber dann war scheinbar die Hölle losgebrochen. In einem plötzlichen Ausbruch von Aktivität hatte sich John auf den Hutmacher gestürzt, als der sich gerade wieder aus seiner eigenen Taschendimension teleportieren wollte. Das einzige, was übrig geblieben war, war ein leerer Stuhl, der zu Boden stürzte. Und sie zwei an dieser langen Tafel.

Freundinnen waren sie weiß Gott nicht. Nein, eher das Gegenteil. Auf dem besten Fuß hatten sie wirklich nicht angefangen, als Ruby einer von Ayleens besten Freundinnen Arlee den Freund ausgespannt hatte. Und jetzt waren sie allein, die einzigen zwei Lebewesen in dieser absurden Dimension, deren Herr sie so schnell verlassen hatte. So unterschiedlich die beiden Mädchen auch sein mochten, ihre Gedanken waren in diesem Moment die selben. Es waren Gedanken der Flucht und der Unsympathie, die sie für einander empfanden. „Warum gerade ich?“

„Du könntest auch mal mithelfen, etwas zu suchen, was uns hier raus bringt!“

„Ach, leck mich doch!“

Nach einer scheinbaren Ewigkeit war es Ayleen, die zuerst aus ihrer Erstarrung erwachte und methodisch anfing, den Tisch und das darauf stehende Service zu untersuchen. Geduldig und methodisch öffneten geschickte Finger Teekannen, Teedöschen, Butterfässchen, Milchkänn-chen, Zuckerbehälter, Besteckkistchen, abgedeckte Teetassen und unzählige andere Teaparty-Accessoires, nur um auf etwas Erschreckendes zu stoßen.

„IIIIHHH!!!“

Wie ein roter Blitz schoss Ruby von ihrem Stuhl hoch, bereit sich zu verteidigen und einen etwaigen Angreifer mit Zähnen, Krallen und was ihr sonst noch zur Verfügung stand in der Luft zu zerfetzen. Nur um sich Sekunden später zu entspannen, als Ayleen traumatisiert ein Mäuseskelett hoch hielt.

„Er hat die Haselmaus verhungern lassen!!!“

Ruby fauchte nur noch einmal in Frustration bevor sie sich selbst auf die Suche nach dem magischen Schlüssel für den Ausweg aus dieser scheinbar perfekten Falle machte. Das alles war zu viel für sie. Eingesperrt zu sein hatte sie noch nie gemocht, aber dieses Gedeck, diese Tafel, all das erinnerte sie viel zu sehr an… Nein, nein, jetzt nicht daran denken, es wegschieben, es wieder vergessen. Wenn es auftauchte, während sie allein oder mit Freunden zusammen war, schaffte sie es immer, sich irgendwie abzulenken, etwas anderes zu finden. Aber jetzt, mit Ayleen eingesperrt, dem Mauerblümchen, dem sie wahrlich keine Sympathie entgegen brachte, schien das keine Option zu sein. Nicht daran denken, nicht daran denken…

Ayleen merkte indes, wie ihre Mitgefangene immer hektischer, immer panischer wurde. Es begann mit kleinen Dingen. Sie nahm wahr, wie Rubys schwarz lackierte Krallen das Tischtuch zerkratzten und Furchen in das Holz darunter zogen. Wie ihr roter Schwanz noch schneller als zuvor in dem ebenholzfarbenen Nichts herumpeitschte. Wie ihre Flügel nervös zuckten und die Servietten mit kleinen Windstößen vom Tisch fegten. Wie sie ihre Zähne bleckte. Wie ihre Augen von der Farbe geschmolzenen Metalls von Punkt zu Punkt sprangen. Wie ihr seidiges schwarzes Haar immer wieder auseinander fächerte als sie ihren Kopf umher warf.

Für die in Menschenkenntnis geschulte Ayleen war es bald offensichtlich, dass Ruby unter enormen Stress stand. Aber was konnte die sonst so arrogante und sogar übertrieben selbstsichere Ruby derartig treffen, dass sie sich jetzt vor Ayleen eine derartige Blöße gab? Irgend etwas verunsicherte ihre dämonenhafte Mitschülerin massivst und Ayleen war nicht ganz davon überzeugt, ob ihr das gefiel. Als Ruby dann anfing, mit gehässiger Stimme zu meckern, konnte sich Ayleen dennoch einen Kommentar nicht verkneifen. Zu tief saß die Abneigung auf Ruby, die ihr ihren besten Freund entfremdet hatte.

„Ich fass es nicht, dass John abhaut und uns hier einfach im Stich lässt!“

„Jetzt hör mir mal ganz genau zu: John kommt wieder, der ist nicht wie du! Er findet einen Weg und rettet uns. Oder hast Du Angst, dass er nur eine rettet? Oder bist Du etwa eifersüchtig?“

„Ach jaaa… Eifersüchtig? So wie Arlee, ja?“

„Oh, du…“

Ayleen fehlten die Worte. Selbst auf ihren transparenten Wangen konnte man noch die Zornesröte sehen, als sie empört die Luft anhielt. Wie konnte sich ein kleines Flittchen wie Ruby überhaupt anmaßen, sich so abfällig über eine nette Person wie Arlee zu äußern? Eine bitterböse Erwiderung lag ihr auf der Zunge. Eine, die Ruby die Blässe auf ihr eingebildetes rotes und ach so perfektes Gesicht getrieben hätte. Eine, die ihr diese ganze arrogante Art sicherlich ein für alle mal ausgetrieben hätte. Davon war Ayleen überzeugt. Dennoch hielt sie sie zurück. Vorerst mussten sie zusammen arbeiten, um diesem Alptraum zu entkommen. Und jemanden mit einem fast schon sprichwörtlich bösen Temperament und dazu die Fähigkeit einen Laster über den Kopf zu stemmen wie Ruby zu provozieren mochte in der gegenwärtigen Situation auch nicht die beste Idee sein. Also hielt sie all ihren Zorn im Zaum, hielt all die Beleidigungen zurück, die in ihrem Kopf herumschwirrten und mit aller Gewalt hinaus wollten. Sie vermied es stattdessen, Ruby anzusehen und konzentrierte sich auf ihre Suche.

Was war das für ein Wahnsinn? Wie konnten sie nur hier landen? All das hatte begonnen mit der Jagd nach Cheshire Cat, der scheinbar hinter den Mutantenentführungen steckte. Sie hatten ihn bis zu seiner Villa verfolgt, wo ein Kampf zwischen ihnen und Cheshire Cats Chaos-Clique entbrannt war. Und plötzlich waren sie hier gewesen. Dargo, John, Trap und der Rest der Schüler mussten jetzt erbittert gegen Feinde kämpfen, die ihrerseits keine Gnade kannten. Ayleen hoffte nur, sie würde alle ihre Freunde lebendig wiedersehen. Falls sie jemals hier herauskäme…

Das hässliche Geräusch reißenden Stoffs fügte eine neue Dimension des Unbehagens zu dieser Leere hinzu und ließ Ayleen die Nackenhaare zu Berge stehen. Irritiert wendete sie den Kopf und sah, wie Ruby panisch den gepolsterten Lehnsessel zerriss, in dem der Hutmacher zuvor gesessen hatte. Weiße Stofffetzen logen in die sie umgebende Dunkelheit wie Funken und verschwanden darin, geschluckt von der Abwesenheit des Lichts. Ruby hörte indes nicht auf. Wie ein wildes Tier zerfetzte sie den Sessel mit ihren Krallen und schien der Raserei nahe. Ayleen wurde sich plötzlich der Gefahr bewusst, in der sie schwebte. Sollte Ruby hier ausflippen, ihrem verdammten Blutrausch erliegen, hieße es sie beide gegen die jeweils andere, ohne Rücksicht. Wahrscheinlich auf Leben und Tod. Und Ayleen wusste beim besten Willen nicht, wer gewinnen würde. Zeit, die Situation zu entschärfen.

„Ruby?“

„WAS???“

„Ja genau: Was? Was ist los?“

„Scheißegal!“

Ein weiteres mal atmete Ayleen tief durch. Genoss das kostbare Element Luft mit dem sie in Verbindung stand. Fühlte, wie es ihre Lungen füllte und ihr neue Kraft gab, um das Undenkbare zu tun. Dann tat sie das Undenkbare.

„Nein, nicht scheißegal. Wir sind zusammen hier drin. Ob wir wollen oder nicht. Keiner von uns kann es gebrauchen, wenn der andere ausflippt. Und du bist kurz davor. Also setz dich hin und erzähl mir verdammt noch mal, warum du so drauf bist.“

Für einen Moment blitzten Rubys Augen auf. Zwei glühende, gelbe Lichter in der Finsternis. Wie eine Hyäne, die auf Beute lauert. Die Wut baute sich in ihr auf, als die Erinnerungen sie wieder quälten, stieg langsam an die Oberfläche. Ein vages Gefühl, das sie mit der Farbe rot zu assoziieren gelernt hatte. Es fühlte sich an wie ein wildes Tier, das sich seinen Weg durch ihren Körper nach oben kämpfte. Mit aller Kraft versuchte sie, es aufzuhalten. Es irgendwo in ihrem Körper festzusetzen. Das Tier wehrte sich seinerseits mit unglaublicher Kraft, drang weiter und weiter nach oben, machte Zentimeter um Zentimeter gut bis… Ruby schließlich fast spiegelbildlich zu Ayleen tief einatmete und es zumindest für dieses mal bezwang. Dieses mal. Es war nicht das erste und würde bestimmt nicht das letzte mal sein, dass sie diesen Kampf führte. Das nächste mal würde schlimmer werden und sie freute sich definitiv nicht darauf. Seufzend setzt sie sich und begann zu erzählen. Ihre Stimme war zu Anfang aggressiv, zickig, doch je weiter ihre Geschichte fortschritt, desto leiser wurde sie.

„Kannst du dir vielleicht vorstellen, dass ich es nicht genieße, an diesem Tisch zu sitzen? Dass sie mich daran erinnert, wie ich meinen fünfzehnten Geburtstag gefeiert habe? Kannst du das, mit deiner vielgerühmten Einfühlungsfähigkeit? Als ich ein Kind war, selbst als Teenie, liebte ich Alice im Wunderland, ich vergötterte dieses Buch geradezu. Ich kannte es nahezu auswendig und hatte jede einzelne Verfilmung gesehen. Meine Eltern wussten das und sie liebten mich unglaublich. Also… hatten sie… die Idee… meine Geburtstagsparty wie das Wunderland zu gestalten. Du hättest mich sehen sollen, ich bin beinahe ausgeflippt vor Freude, als ich das gesehen habe. Ich bin meinem Daddy um den Hals gefallen und hab geheult vor Freude. Sogar Schauspieler… hatten sie engagiert. Ich konnte es gar nicht erwarten, mit meinen Freunden dazusitzen und Kuchen zu essen. Reichlich kindisch mit fünfzehn, ich weiß, aber ich liebte dieses Buch eben. Und dann… ein paar Stunden später… hing ich meinem Dad wieder um den Hals, aber diesmal… diesmal trank ich sein Blut… und das meiner Mom… und… und… und des Kindermädchens, das mich aufgezogen hatte… das unseres Gärtners… Josè… unserer Köchin Linda… so viele… an meinem Geburtstag… und bevor ich wusste, wie mir geschah… fand ich mich in Ägypten wieder…“

Die letzten Worte kamen ihr nur noch als Schluchzen über die Lippen. Eine rote Flüssigkeit sammelte sich in ihren Augen und Ayleen brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass es sich dabei um Tränen handelte. Einen weiteren Moment brauchte sie, um zu verstehen, woraus diese Tränen bestanden und plötzlich wurde ihr übel. Steckte vielleicht trotz all ihres arroganten Getues und ihrer widerlichen Mutantenkräfte mehr in Ruby als eine hassenswerte, zickige, verzogene Göre? Vielleicht ein verängstigtes kleines Mädchen wie in allen anderen im Institut? Zögernd streckte Ayleen die Hand aus. War es gut, Ruby zu berühren? Würde ihr körperliche Nähe Trost spenden? Würde sie sich sogar wie ein kleines Kind in Ayleens Armen zusammenrollen, um hemmungslos zu weinen? Oder würde sie ausrasten und von Ayleen nicht mehr übrig lassen als ein paar blutige Fetzen auf dem Boden? Gleich würde Ayleen es herausfinden.

Doch dazu sollte es nie kommen, denn wie aus dem Nichts stand John wieder mit einem sehr unglücklich aussehenden Verrückten Hutmacher da und sagte mit seinem unvergleichlichem Grinsen:

„Hat jemand ein Taxi hier raus bestellt?“

Glücklich lächelnd wendete sich Ayleen wieder zu Ruby, die gerade ihre verheulten Augen hob.

„Ich hab dir doch gesagt, er holt uns hier raus.“

Teaparty

New X-Men 2019 Leeana